Ein großer Industrieller und Mäzen

Vor 150 Jahren wurde der Unternehmer Arthur von Weinberg geboren

- Langfassung -

Er war der zehnte Ehrenbürger der Stadt Frankfurt, was ihn jedoch nicht davor bewahrte, dass man ihn in der NS-Zeit wegen seiner jüdischen Abstammung verfolgte und in hohem Alter ins KZ deportierte. Arthur von Weinberg, der Leiter der Cassella-Werke, Mitbegründer der IG Farben, große Mäzen und Gründungsstifter der Frankfurter Universität, wurde am 11. August vor 150 Jahren geboren.

Sein Schreibtisch steht in der Universität. Hier gebührt Arthur von Weinberg ein ewiger Platz. Während einer Feierstunde im Casino auf dem Campus Westend im März 2007 übergab daher die Alessa Chemie, das Nachfolgeunternehmen der einst von Weinberg geleiteten Cassella, dessen Dienstschreibtisch aus dem Fechenheimer Werk an die Frankfurter Universität. In deren heutigem Gebäude, dem damaligen IG Farben-Haus, hatte der Industrielle IG-Mitbegründer Arthur von Weinberg zuletzt gearbeitet – bis ihn die Nationalsozialisten wegen seiner jüdischen Abstammung aus Amt und Würden drängten. Vor allem aber war Weinberg der Universität stark verbunden. Der große Mäzen und zehnte Ehrenbürger seiner Geburtsstadt Frankfurt am Main gehörte zu den Gründungsstiftern der Universität, die er darüber hinaus auf vielfältige Weise unterstützte. Besonders am Herzen lag dem studierten Chemiker die Förderung der naturwissenschaftlichen Forschung, wozu er u. a. bereits 1909 eine eigene Stiftung errichtete. Somit entspricht es nicht nur Weinbergs akademischer Herkunft, wenn sein Schreibtisch künftig einen Ehrenplatz im geplanten Neubau der Chemie finden soll.

Mit dem Familienbetrieb zur Weltspitze

Vor 150 Jahren, am 11. August 1860, wurde Arthur von Weinberg in Frankfurt geboren. Sein aus Kurhessen stammender Vater Bernhard Weinberg war Schwiegersohn und Teilhaber von Ludwig Ahron Gans, dem die Frankfurter Farbengroßhandlung Leopold Cassella & Comp. gehörte. Nach dem Studium der Chemie, Physik, Mathematik und Alten Sprachen in Straßburg und München trat Arthur Weinberg 1883 als Teilhaber und Technischer Leiter in die von seinem Onkel Leo Gans gegründete „Frankfurter Anilinfarbenfabrik Gans & Co.“ an der Mainkur in Fechenheim ein. In Pionierarbeit mit seinem Laboratorium entwickelte Weinberg in den kommenden Jahren zahlreiche künstliche Farbstoffe, zuerst das Naphtolschwarz (1885) als Beginn einer Reihe – damals besonders gefragter – dunkler Wollfarbstoffe, die die Industrie von teuren Importen natürlicher Farbstoffe unabhängig machten. Nach dem Zusammenschluss der erfolgreichen Farbenfabrik mit der familieneigenen Farbengroßhandlung zur Leopold Cassella & Co. 1894 trat Arthur Weinberg zusammen mit seinem jüngeren Bruder Carl, der bereits seit 1877 im kaufmännischen Bereich des Unternehmens tätig war, allmählich in die Gesamtleitung ein. Um die Jahrhundertwende hatten es Leo Gans und seine beiden Neffen an die Weltspitze geschafft: Die Cassella galt als weltgrößter Hersteller synthetischer Farbstoffe. Motiviert durch die Forschungen von Paul Ehrlich, der mit dem Einsatz von Farbstoffen für die Chemotherapie experimentierte, bauten die Brüder Weinberg nun auch eine pharmazeutische Abteilung in ihrem Unternehmen auf. Um dem wachsenden Konkurrenzdruck in der Farbenindustrie zu begegnen, schlossen sie die Cassella unter Umwandlung in eine GmbH 1904 zu einem „Zweibund“ mit Hoechst zusammen, der drei Jahre später mit der Firma Kalle zum „Dreiverband“ erweitert wurde. Zugleich zog sich Leo Gans aus der aktiven Geschäftsleitung zurück, die er künftig völlig seinen Neffen Arthur und Carl Weinberg überließ.

Förderer und Gründungsstifter der Frankfurter Universität

In ihrem unternehmerischen Erfolg sahen die Brüder Weinberg schon früh auch eine mäzenatische Verpflichtung. Beim Neubau des Senckenbergmuseums soll Arthur Weinberg erstmals als Sponsor in Erscheinung getreten sein. Damals stiftete er, der bereits seit 1897 der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft (SNG) angehörte, die stattliche Summe von 50.000 Goldmark zum Erwerb einer Gorillagruppe für die neue Schausammlung (1906); später finanzierte er den Ankauf weiterer wertvoller und spektakulärer Ausstellungsstücke, wie z. B. des Skeletts eines Trachodons (Schnabeldrachens, 1911), förderte etwa die Arbeit von „Senckenberg am Meer“, der meeresbiologischen Forschungsstation in Wilhelmshaven, und schenkte dem Naturmuseum große Mengen an Alkohol – der zu Zwecken der Konservierung dringend benötigt wurde. Nicht nur als Direktoriumsmitglied der SNG bereitete Weinberg die Gründung einer Universität in Frankfurt mit vor. Um Forschung und Lehre auf dem Gebiet der Chemie, Physik und verwandter Wissenschaften zu fördern, errichtete er 1909 die bereits erwähnte Stiftung mit einem Kapital von 300.000 Mark, aus deren Erträgen ein Lehrstuhl für physikalische Chemie und Metallurgie am Physikalischen Verein finanziert wurde. Mit der gleichen Summe, die heute etwa vier Millionen Euro entsprechen würde, beteiligte er sich 1914 an der eigentlichen Universitätsgründung. Darüber hinaus unterstützte Weinberg zahlreiche weitere wissenschaftliche, aber auch kulturelle und soziale Belange. So schenkte er dem Zoo ein Löwen- und ein Tigerpaar, förderte das Historische Museum und engagierte sich im Patronatsverein der Städtischen Bühnen ebenso wie im Städelschen Museumsverein.

Familienleben im Niederräder Schlösschen

Für ihre wirtschaftlichen und wohltätigen Leistungen wurden die Brüder Arthur und Carl Weinberg 1908 in den erblichen preußischen Adelsstand erhoben. Bald darauf heiratete Arthur von Weinberg im Alter von fast 49 Jahren die gebürtige Holländerin Willemine Huygens verw. Peschel, eine Ingenieurswitwe, deren halbwüchsige Töchter Marie und Charlotte er adoptierte. Die Familie lebte im Haus Buchenrode in Niederrad, einem neobarocken Schlösschen, in dem bald nicht nur die große Gesellschaft, sondern vor allem Wissenschaftler und Künstler verkehrten. Ganz in der Nähe, in der Gegend der Rennbahn, unterhielten die Brüder von Weinberg, beide passionierte Pferdesportler, ihr legendäres Vollblutgestüt Waldfried.

Frankfurts zehnter Ehrenbürger

Gleich bei Beginn des Ersten Weltkriegs rückte Arthur von Weinberg als Major der Kavallerie an die Westfront ein. Aufgrund einer Untersuchung über die Industrie im besetzten Gebiet wurde er 1916 in das Referat „Chemie im Kriegseinsatz und Arbeitsdepartement“ im Preußischen Kriegsministerium berufen und nahm damit eine wichtige Stellung in der Kriegswirtschaft ein. Nach zähen Verhandlungen mit den Siegermächten in Versailles war er federführend am Abschluss des Reichstarifvertrages für die chemische Industrie 1919 beteiligt. In den zwanziger Jahren forcierten die Brüder von Weinberg den Zusammenschluss der führenden deutschen Chemieunternehmen zur IG Farbenindustrie AG, deren Fusionsvertrag sie als Vertreter der Cassella 1925 mitgestalteten. Als Mitglied des Aufsichts- und Verwaltungsrates der neu gegründeten IG war Arthur von Weinberg u. a. für Wissenschaft, Patente und Fabrikation der Farbstoffe in dem Chemiekonzern zuständig. Als höchste unter seinen zahlreichen Auszeichnungen und Ehrungen jener Jahre erhielt er anlässlich seines 70. Geburtstags 1930 das Ehrenbürgerrecht der Stadt Frankfurt am Main, das damals erst zum zehnten Mal verliehen wurde.

Entrechtung und Ausbeutung durch den NS-Staat

Noch zu seinem 50-jährigen Dienstjubiläum bei der Cassella im Oktober 1933 wurde Geheimrat Arthur von Weinberg in allen Ehren gefeiert, und der Jubilar bedankte sich mit der gewohnten Großzügigkeit, indem er eine wohltätige Stiftung mit einem Kapital von 50.000 Reichsmark zur Linderung besonderer Notfälle bei lang andauernder Erwerbslosigkeit, zur Unterstützung von Angehörigen des verarmten Mittelstandes sowie zur Erholung der Mütter kinderreicher Familien errichtete. Weinberg, evangelisch getauft und patriotisch gesinnt, vertraute im „Dritten Reich“ wohl lange darauf, dass ihm – auch wegen seiner großen Verdienste um das Gemeinwohl und seiner Teilnahme am Ersten Weltkrieg – nichts Schlimmes passieren würde. Doch bald, zumal nach dem Tod seiner „arischen“ Ehefrau (1935), war er aufgrund seiner jüdischen Abstammung der Entrechtung und Ausbeutung durch den NS-Staat voll ausgesetzt. Zunächst musste er bereits 1935 aus dem Verwaltungsrat, im Zuge der „Arisierungskampagne“ in der deutschen Wirtschaft 1937 auch aus dem Aufsichtsrat der IG Farben ausscheiden. Nach dem Novemberpogrom 1938 legte der greise Geheimrat seine letzten Mandate und Ehrenämter nieder. Unter Druck verkaufte er noch im selben Jahr seinen Grundbesitz in Niederrad an die Stadt, die dort im (später kriegszerstörten) Haus Buchenrode das „Musische Gymnasium“ einrichtete. Den ohnehin relativ niedrigen Kaufpreis musste Weinberg zur Bezahlung der „Sühneleistungen“, die der NS-Staat nach dem Novemberpogrom unverfroren den Juden als den doch eigentlich Geschädigten auferlegt hatte, direkt an die Finanzkasse abführen.

Deportation und Tod im Konzentrationslager

Bei Ausbruch des Krieges 1939 übersiedelte Arthur von Weinberg zu seiner Tochter Marie, einer verheirateten Gräfin Spreti, auf Hochschloss Pähl am Ammersee. Dort wurde er am 2. Juni 1942 von der Gestapo abgeholt und angeblich zu einer „Befragung“ nach München gebracht. Vier Tage später wurde der fast 82-Jährige ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. An den Folgen einer Gallenblasenoperation starb Arthur von Weinberg am 20. März 1943 in Theresienstadt. Nur wenige Tage zuvor war auch sein Bruder Carl von Weinberg, der zuletzt im Exil in Italien lebte, gestorben.

Sabine Hock

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