Der Wäldchestag – ein Ausflug lohnt sich

Zur Geschichte des Frankfurter Nationalfeiertags am „Pfingstdienstag“

Am Turnfest-Dienstag begehen die Frankfurter ihren „Nationalfeiertag“, den „Wäldchestag“. Auch wenn es heute viel mehr Feste in Frankfurt gibt als früher, so hat der Ausflug in den Stadtwald immer noch eine wichtige Bedeutung in der Mainmetropole. Und auch die Turnfest-Teilnehmer sollten einen Besuch einplanen. Ein Blick in die Geschichte des Volksfestes.

„Kommt man um die Zeit des Pfingstfestes nach Frankfurt“, notierte der Schriftsteller Wilhelm Hauff 1825 nicht ohne spöttischen Unterton, „so sollte man meinen, es gebe keine heiligere Stadt in der Christenheit, denn sie feiern daselbst nicht, wie z. B. in Bayern, 1 ½ oder, wie im Kalender vorgeschrieben, zwei Festtage, sondern sie rechnen vier Feiertage (...).“ Von alters her nutzten die Frankfurter das Pfingstfest gerne, um nach dem langen Winter endlich einmal wieder aus der engen und dunklen Stadt hinaus ins Grüne zu ziehen. An den – auch andernorts obligatorischen – Familienspaziergang zu Pfingstsonntag reihten sie, wohl nicht nur vom Frühling berauscht, gleich eine ganze Serie von Ausflügen in die umliegenden Dörfer, die heute längst zu Stadtteilen der Mainmetropole geworden sind: Am Dienstag nach Pfingsten ging’s mit Kind und Kegel in den Stadtwald bei Niederrad, am Mittwoch nach Bornheim, am Donnerstag nach Bockenheim, am Freitag nach Hausen und so weiter. Vor Ort wurde gefeiert und gelacht, getanzt und gespielt, gepicknickt und gezecht, bis sich am späten Abend die Karawane der Ausflügler unter Fackel- und Lampionschein wieder zurück in die Stadt wälzte. Am Ende einer solchen Pfingstwoche waren alle so erledigt, dass sie erst einmal den „Blauen Montag“ brauchten, einen arbeitsfreien Tag, um sich von all dem Vergnügen im Grünen zu erholen.

Früher Picknick und Tanz, heute Jux mit modernen Fahrgeschäften

Bis heute hat Pfingsten in Frankfurt drei Feiertage. Am Dienstag nach dem eigentlichen Kirchenfest begehen die Frankfurter ihren Nationalfeiertag, den „Wäldchestag“, an dem sie traditionell hinaus ins „Wäldche“, ein Fleckchen Stadtwald in der Nähe des ehemaligen Oberforsthauses bei Niederrad, ziehen. Bereits früh am Morgen beschäftigt sie von jeher die größte Sorge des Tages, wie es der Lokaldichter Friedrich Stoltze 1853 beschrieb:

„Schon morjens frih um halwer vier
Springt alles aus de Better
Un reißt derr Fenster uff un Diehr
Un guckt derr nach dem Wetter.“

Spätestens gegen zwei Uhr mittags dann brachen Groß und Klein, Alt und Jung, Arm und Reich mit prall geschnürten Fresspaketen gen Süden auf. Der Andrang zur (bis 1848 einzigen) Mainbrücke wie zur Anlagestelle des Nachens nach Niederrad war oft so groß, dass es zu regelrechten Verkehrsstaus von Pferdewagen und Fußgängern kam. Doch bald lag die Stadt wie ausgestorben, zumal, sogar noch bis in die 1990er Jahre, sämtliche Geschäfte und Büros nachmittags geschlossen hatten. Dafür stand nun über dem Stadtwald eine riesige Staubwolke, direkt über dem alten „Ebbelweihügel“ am Oberforsthaus, wo das Volk inzwischen zum Feiern eingetroffen war. Dort – wie schon der Name des am Pfingstdienstag keineswegs lauschigen Plätzchens im Grünen verrät – gab es wenigstens ein Mittel, um die Auswirkungen des Staubs auf die Kehlen zu bekämpfen: Die Sachsenhäuser Wirte schenkten hier Äpfelwein aus. Aber auch die Brauereien unterhielten einen Ausschank, Würstchenverkäufer und Brezelbuben boten ihre Waren feil, Drehorgeln und Tanzkapellen spielten auf, Kasperltheater und Karussell lockten die Kinder. Erst in der Nachkriegszeit wandelte sich der Wäldchestag immer mehr zu einem großen Juxplatz mit modernen Fahrgeschäften, der wegen der höheren Rentabilität gleich für vier Tage im Wäldchen (direkt am Autobahnzubringer auf dem Weg zur Commerzbank-Arena) aufgeschlagen wird. Oft genug endet Frankfurts Nationalfeiertag aber auch in unseren modernen Zeiten noch genau so, wie es Adolf Stoltze in seinem Kult gewordenen Lokalstück „Alt-Frankfurt“ (1887) geschildert hat: mit einem Wolkenbruch.

Zum Ursprung des Wäldchestages

Unklar bleibt der wahre Ursprung des „Wäldchestages“. Immer wieder haben Lokalhistoriker auf verschiedene Festtraditionen zu Pfingsten verwiesen, etwa das Maigelage des Rates, die Handwerkerfeste der Zünfte oder den Tanz der Hirten und Mägde zum ersten Viehauftrieb, die schon im späten Mittelalter in Frankfurt nachgewiesen sind und schließlich in einem einzigen Fest aufgegangen sein könnten. Oft wird der Wäldchestag auf den Brauch der jährlichen Holzzuteilung am Pfingstdienstag zurückgeführt. Dazu sollen die Bürger mit ihren Familien ans Oberforsthaus gezogen sein und während der Wartezeit, bis sie ihren Holzanteil vom dort ansässigen städtischen Forstmeister zugewiesen bekamen, bei Speis und Trank im Walde gelagert haben. Tatsächlich wurde das kleine Waldgebiet bei Niederrad schon 1580 nachweislich das „Wäldlein“ genannt. Das dortige Fest am Pfingstdienstag ist erstmals für das Jahr 1792 bezeugt. Seitdem, mit dem allgemeinen Aufkommen von Waldfesten um diese Zeit, „boomte“ es regelrecht. Der Name für das bald äußerst beliebte Volksfest, zunächst noch „Wäldchentag“ geschrieben, ist dann in der Frankfurter Zeitschrift „Didaskalia“ 1831 zum ersten Mal belegt.

Der Wäldchestag in der Literatur

Um diese Zeit ging der Wäldchestag auch in die Literatur ein. Gerne hätten es die Frankfurter natürlich, wenn sie den größten Sohn ihrer Stadt mit ihrem Nationalfeiertag in Verbindung bringen könnten. Doch obwohl Goethe in seinem „Reineke Fuchs“ von Pfingsten als dem „lieblichen Fest“ schwärmte und bei seinen späten Besuchen in Frankfurt 1814/15 auch Ausflüge zum Oberforsthaus unternahm, sind von ihm keine sicheren Zeugnisse über den Wäldchestag überliefert. In der Reiseliteratur des 19. Jahrhunderts aber ist das frankfurttypische Volksfest oft geschildert. So beschrieb es Johanna Schopenhauer, die Mutter des Philosophen, die damals eine vielgelesene Schriftstellerin war, ausführlich in einem Reisebericht von 1828: „Das Pfingstfest wie es in Frankfurt gefeiert wird, ist das fröhlichste Volksfest im echtesten Sinne des Wortes. (...) Der dritte Feiertag bildet den höchsten Lichtpunkt des schönen Festes, an welchem die Freude ihren höchsten Gipfel erreicht. Er ist die eigentliche Frühlingsfeier, denn schon am Morgen ziehen Tausende hinaus, dem nicht weit entfernten Walde zu, in dessen Mitte das Forsthaus, eines der besten und besuchtesten Gasthäuser in der ganzen Umgegend, liegt. Die Tische und Bänke rings um dasselbe her (...) vermögen heute nicht alle die herbeigeströmten Gäste zu fassen. Viele hundert (...) Familienzirkel bilden sich – unter jedem dazu Raum gewährenden Baum, unter jedem schattigen Busch, wird offene Tafel gehalten, jeder etwas erhöhte Rasen wird zum Tisch, über den die für die Ihrigen und die Gäste sorgende Hausmutter ihr feinstes weißes Tischtuch ausbreitet. Jede häusliche Sorge ist daheim geblieben. Gläserklang und Gesang, Scherz und Lachen füllen die Luft, alles ist Leben und Freude. Die Kinder jauchzen, die Vögel singen, Trompeten, Geigen und alle erdenklichen Instrumente schmettern und klingen im Gebüsch, bis jeder Rasenplatz zum Tanzplatz wird, auf welchem die Jugend in lustigem Walzer sich dreht.“ Und auch in der modernen Literatur findet sich der Wäldchestag – sogar an prominenter Stelle: als Titel des vielbeachteten Debütromans von Andreas Maier aus dem Jahr 2000.

Sabine Hock

Presse- und Informationsamt der Stadt Frankfurt am Main, Mai 2009

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