Neorenaissance: Harmonischer Hang zur Fülle

Die italienische Renaissance entstand ursprünglich aus dem Versuch, die antike Architektur an die bürgerlichen Bedürfnisse in der beginnenden Neuzeit anzupassen. Im 19. Jahrhundert wurde sie dann wiederentdeckt, weil sie geschmeidiger und damit besser geeignet für die Ansprüche des modernen bürgerlichen Lebens erschien als die originale Antike.

Wohn- und Geschäftshaus Opernplatz 6
Opernplatz 6: Antike im bürgerlichen Gewand, Foto: Wolfgang Faust

Seit etwa 1830 griffen deutsche Architekten bewusst auf die Renaissance zurück. Da deren Epoche als Blütezeit der Künste galt, wurde ihr Architekturstil bevorzugt auf Theater, Museen und andere Kulturbauten übertragen. Auch in Frankfurt entstand das Opernhaus, die heutige Alte Oper, im Stil der Neorenaissance. Nach dessen Einweihung 1880 sollte der umliegende Platz ebenfalls repräsentativ gestaltet werden. So wurde bis 1881 als Kopfbau am Opernplatz 6 ein stattliches Wohn- und Geschäftshaus errichtet, das mit dem daneben stehenden Gebäude an der Ecke zur Hochstraße eine Einheit bildet. Der Bau nach Plänen des Frankfurter Architekten Franz Jacob Schmidt bedient sich einer reichen und kräftigen Formensprache. Besonderer Blickfang ist die gefaste Gebäudeecke mit ihren Kolossalsäulen, die einzelne Elemente der klassischen Säulenordnung aufgreifen. Die Skulpturen im halbrunden Giebel stammen von dem Frankfurter Bildhauer Gustav Herold. Überhaupt ist das Haus reichlich mit floralen und figürlichen Motiven geschmückt. Zwischen den Rundbogenfenstern der Wohnetagen befinden sich beispielsweise Medaillons mit Köpfen, die die antiken Götter darstellen.

Trotz seiner Üppigkeit weist dieser Bau eine Harmonie auf, wie sie schon für die Renaissance verpflichtend war. Im Streben nach repräsentativer Wirkung trieb mancher Architekt die Nachahmung allerdings zu weit: Die Gefahr, auf dem schmalen Grat zwischen Kunst und Kitsch zur falschen Seite abzurutschen, teilt die Neorenaissance mit anderen historistischen Stilen.

Sabine Hock

Frankfurter Rundschau, Immobilienbeilage, Kolumne „Baustile in Hessen“ vom 20.02.2010

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