Neugotik: Auf die Spitze getrieben

Im ausgehenden 19. Jahrhundert war auch in Frankfurt das Mittelalter wieder angesagt: Allem wurde eine Spitze aufgesetzt. Selbst der Eiserne Steg, die zweite Mainbrücke der Stadt, trug gotisierende Türmchen auf seinen Bögen. In der allgemeinen Begeisterung gingen die Neugotiker sogar daran, echte Bauten der Gotik nach einem idealisierten Mittelalterbild umzugestalten. So wurde der Turm des Frankfurter Doms nach dem Brand von 1867 mit der heutigen Spitze statt der ursprünglichen flachen Kuppel versehen.

Die Mainansicht gegenüber dem Dom prägte seit 1881 die neugotische Dreikönigskirche. Hier in Sachsenhausen entstand zwischen Fluss und Bahnlinie allmählich ein neues Stadtviertel mit zahlreichen Mietshäusern nach der neugotischen Mode. Um die Jahrhundertwende errichtete der Architekt Friedrich Weil in Zusammenarbeit mit dem Bauunternehmen der Gebrüder Heunisch eine ganze Reihe entsprechender Neubauten in dem Viertel, darunter 1903 das Doppelmietshaus in der Hedderichstraße 50 bis 52 direkt gegenüber dem Südbahnhof.

Wohnhaus Hedderichstraße 50-52
Romantik trifft Neugotik: Haus in Sachsenhausen, Foto: Wolfgang Faust

Die typisch neugotische Erscheinung erhält das Haus durch die Vielfalt der verwandten Bauelemente. Besonders auffällig ist die Dachlandschaft mit einem zentralen Treppengiebel zwischen spitzen Gauben und kegelförmigen Türmchen. Die zahlreichen Schmuckelemente der Fassade, etwa die beiden Eckerker, die Balkone sowie die Fenster- und Türbögen, heben sich in rotem Sandstein und – seltener – gelbem Backstein vom ansonsten hellen Putz ab. An das romantische Bild einer Burg erinnert der zinnenartige Fries mit dem Wappenschild über dem doppelten Hauseingang. Und wie aus dem mittelalterlichen Lehrbuch präsentiert sich das sakral anmutende Maßwerk der Balkonbrüstungen: Es zeigt in jedem Stockwerk eine andere streng geometrische Figur.

Sabine Hock

Frankfurter Rundschau, Immobilienbeilage, Kolumne „Baustile in Hessen“ vom 06.02.2010

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