Ein unerbittlicher Kriminalist

Vor 125 Jahren wurde der Anarchistenverfolger Ludwig Rumpff ermordet

Am 13. Januar 1885 fiel Polizeirat Ludwig Rumpff einer Gewalttat zum Opfer. Der 62 Jahre alte Chef der Frankfurter Kriminalabteilung und politischen Polizei, der sich weit über die Mainstadt hinaus einen Namen als erbarmungsloser Anarchistenverfolger gemacht hatte, wurde mit einem Dolchstoß vor seinem Haus niedergestreckt.

Frankfurt am Main (pia) Es geschah an einem dunklen und kalten Abend im Januar. Wie gewöhnlich verließ der Polizeirat um kurz nach sieben sein Büro im Clesernhof, dem alten Polizeipräsidium nahe dem Römer inmitten der Altstadt, um zu Fuß nach Hause zu gehen. In seiner Wohnung im Westend bereitete derweil das Dienstmädchen das Nachtessen für den 62 Jahre alten Witwer und seine beiden halbwüchsigen Kinder vor. Gegen halb acht ging sie noch einmal auf einen Sprung zum Spezereiladen an der Ecke. Bei ihrer Rückkehr sah sie eine Gestalt im Vorgarten liegen. Es war der Polizeirat, der stark aus einer Wunde in der Herzgegend blutete. Wenige Augenblicke später starb er in den Armen seines Dienstmädchens. Der Mörder hatte dem Polizeirat aufgelauert und ihn mit einem einzigen Dolchstoß durch Herz und Lunge niedergestreckt.

Rücksichtslos verfolgte er die Arbeiterbewegung

Polizeirat Dr. Ludwig Rumpff wurde vor 125 Jahren, am 13. Januar 1885, ermordet. Der gebürtige Frankfurter hatte zunächst die Offizierslaufbahn eingeschlagen, die er aber nach einem Reitunfall 1852 aufgeben musste. Er absolvierte daraufhin ein Jurastudium in Heidelberg und trat 1857 als Kommissar in den Dienst der Frankfurter Polizei ein. Innerhalb von nur zehn Jahren stieg der ehrgeizige und unerbittliche Kriminalist zum Polizeirat auf. Als Chef der Kriminalabteilung und der politischen Polizei widmete er sich nach dem Erlass des Sozialistengesetzes 1878 besonders intensiv der rücksichtslosen Verfolgung der Arbeiterbewegung, wobei er sich allerdings auch zweifelhafter Methoden bediente. Zur kriminalistischen Leidenschaft wurde Rumpff speziell der Kampf gegen die Anarchisten, die damals mit Gewaltakten ganz Europa in Atem hielten. Nachdem anarchistische Gruppen am Tag des Kaiserbesuchs zur Eröffnung des Opernhauses 1880 eine große Flugblattaktion in Frankfurt gestartet hatten, ließ der Polizeirat eine unglaubliche Ermittlungsmaschinerie anlaufen, womit er unter dem fragwürdigen Einsatz eines Polizeispitzels rasche Erfolge erzielte. Auch nach dem versuchten Attentat auf den Kaiser bei der Einweihung des Niederwalddenkmals im September 1883 war Rumpff maßgeblich an der Ermittlung und Verhaftung der Täter beteiligt.

Ein politischer Mord

Eigentlich wunderte es niemanden, als der Polizeirat dann selbst Opfer eines Attentats wurde. Und keiner zweifelte daran, dass es sich um einen politischen Mord handelte, vermutlich um einen Racheakt der Anarchisten. Aber wer war der eigentliche Täter? Die fieberhafte Fahndung nach dem Mörder, die die Polizei sofort in Gang setzte, lief zunächst ins Leere. Am 19. Januar 1885, sechs Tage nach dem Mord, wurde eher zufällig der 22 Jahre alte Schuhmachergeselle Julius Lieske verhaftet. Bei einer Ausweiskontrolle in einem Gasthaus in Hockenheim hatte er falsche Papiere vorgewiesen, und als der überprüfende Gendarm nachhaken wollte, hatte er versucht zu fliehen, wobei er aus einem Revolver mehrere Schüsse auf seine Verfolger abgab. Sofort geriet Lieske in den Verdacht, an der Ermordung Rumpffs beteiligt gewesen zu sein. Gegen ihn sprach insbesondere eine Schnittwunde an der linken Hand, über deren Ursache er sich in widersprüchliche Angaben verstrickte.

Todesurteil nach einem aufsehenerregenden Indizienprozess

Im Laufe der Untersuchungen in Frankfurt ergab sich eine erdrückende Beweislast gegen Lieske, der zudem als Anhänger anarchistischer Ideen bekannt war. Verdächtig machte ihn, dass er sich in den beiden Wochen vor dem Mord in Frankfurt aufgehalten und in der Tatnacht die Stadt fluchtartig verlassen hatte – während er selbst anfangs sogar bestritt, jemals in Frankfurt gewesen zu sein. Staatsanwaltschaft und Polizei waren von seiner Täterschaft überzeugt und brachten die Untersuchung zügig zum Abschluss. In einem dreitägigen Schwurgerichtsverfahren im Leinwandhaus im Sommer 1885 wurde Julius Lieske zum Tode verurteilt. Der aufsehenerregende Indizienprozess blieb den letzten Beweis allerdings schuldig. Nach der Verkündung des Urteils soll Lieske daher seine Richter regelrecht verflucht haben: „Wehe euch! Eure Bluturteile werden euch überleben, und eure Namen werden an dem Schandpfahl prangen! Und Sie, Herr Staatsanwalt! Das ist auch der letzte, den Sie zum Tode verurteilten.“ Tatsächlich verfiel Staatsanwalt Frehsee einige Zeit später dem Wahnsinn und starb im Irrenhaus.

Ein abschreckendes Exempel

Am 17. November 1885 wurde Julius Lieske im Zuchthaus Wehlheiden bei Kassel hingerichtet. Bis zu seinen letzten Minuten beteuerte er seine Unschuld. Inzwischen hat ihm die Geschichtsforschung eher gerecht werden können. Der Historiker Volker Eichler wies 1983 anhand von Dokumenten der anarchistischen Bewegung nach, dass Lieske wohl zumindest nicht der alleinige Täter war. Sicherlich war er aber Mitwisser, und möglicherweise hat er das Opfer festgehalten und sich dabei auch die Schnittwunde an der Hand zugezogen, während ein anderer den tödlichen Stich ausführte. Unter Anarchisten, so belegen die Dokumente, war „der eigentliche Rumpffmörder“ bekannt. Manches deutet darauf hin, dass es der Schneider August Peschmann gewesen ist, der dem Frankfurter Polizeirat einst eine Zuchthausstrafe „verdankte“. Für die zeitgenössische Justiz jedoch war die Sache mit dem Fall Lieske erledigt. Auch Frankfurt kam ein solch abschreckendes Exempel gerade recht. Seit Rumpffs Ermordung galt die Mainstadt nicht nur in der Presse als das Zentrum anarchistischer Umtriebe, und diesen Ruf wollte sie um jeden Preis verlieren. So wurde in Frankfurt der Mord an dem Polizeirat auch zum Signal für einen härteren Kurs gegen die sozialistische Arbeiterbewegung, die doch eigentlich mit dem Verbrechen gar nichts zu tun hatte.

Sabine Hock

Service PRESSE.INFO, hg. v. Presse- und Informationsamt der Stadt Frankfurt am Main, Feature vom 22.12.2009

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