Pionier der Afrikaforschung

Vor 125 Jahren starb der Frankfurter Forscher Eduard Rüppell

Dem reichhaltigen Material, das Eduard Rüppell auf seinen Expeditionen in Afrika zusammentrug, verdankte „das Senckenberg“ schon früh seinen internationalen Ruf als Naturmuseum und Forschungsinstitut. Der zunächst gefeierte Wissenschaftler starb im Alter von 90 Jahren vergessen und in großer Einsamkeit in seiner Vaterstadt Frankfurt.

Frankfurt am Main (pia) Die Berichte von seinen Expeditionen klingen abenteuerlich. Auf seinen Forschungsreisen durch das nordöstliche Afrika und das westliche Arabien kam Eduard Rüppell in Gebiete und Städte, die noch kein Europäer vor ihm betreten hatte. Er jagte Nilpferde, Antilopen und Giraffen, fand bisher unbekannte Tiere und Pflanzen, sammelte archäologische Funde und alte Schriften, vermaß erstmals die exakte Höhe des Berges Sinai und entdeckte die monumentalen Felsgräberanlagen der Nabatäer im Tal von Beden. Immer wieder musste der Forscher mannigfaltigen Gefahren trotzen. Doch war Rüppell kein Abenteurer. Als strenger Wissenschaftler widmete er sich nach seiner Rückkehr in seine Vaterstadt Frankfurt jahrzehntelang der Auswertung seiner Reisen. Ihm und seinen Sammlungen verdankt „das Senckenberg“ früh den internationalen Ruf als Naturmuseum und Forschungsinstitut.

Seine Vaterstadt war stolz auf ihn

Vor 125 Jahren, am 10. Dezember 1884, starb Eduard Rüppell im Alter von 90 Jahren. Schon zu Lebzeiten war er allerdings fast vergessen. Einst, nach seinen beiden großen Expeditionen, hatte der Frankfurter Pionier der Afrikaforschung höchsten Ruhm genossen, und seine ganze Vaterstadt war stolz auf ihn. Als Rüppell 1828 von seiner ersten Forschungsreise nach Frankfurt zurückkehrte, stiftete der Senat eine Gedenkmünze zu seinen Ehren, an deren Gestaltung sogar Goethe mitgewirkt hatte. Nach der zweiten Heimkehr 1834 wurde Rüppell im Saal des Gasthofs Weidenbusch gefeiert, dem damals größten Saal in Frankfurt, der von den zwölf besten Künstlern der Stadt eigens mit Ansichten orientalischer Städte und Landschaften geschmückt worden war. Aber auch höchste wissenschaftliche Anerkennung blieb dem Forscher nicht versagt. Im Januar 1836 reiste Alexander von Humboldt nach Frankfurt, um sich von Rüppell dessen Vermessungsdaten aus Äthiopien zeigen zu lassen, und drei Jahre später erhielt Rüppell als erster Nichtengländer die Goldene Medaille der Royal Geographic Society in London.

Ein Leben im Dienst der Naturforschung

Als siebtes von neun Kindern eines Kurfürstlichen Oberpostmeisters und späteren Bankiers wurde Eduard Rüppell am 20. November 1794 in Frankfurt geboren. Nach dem Tod beider Eltern 1812 musste er die kaufmännische Laufbahn einschlagen. Schwer an Lungentuberkulose erkrankt, reiste er zur Genesung im Jahr 1817 erstmals nach Ägypten. Dort entschied er sich für seinen Jugendtraum von einem naturwissenschaftlichen Studium, um das nordöstliche Afrika zu erforschen. Bevor Rüppell das Studium in Pavia, Genua und Neapel absolvierte, kam er 1818 noch einmal in seine Heimatstadt Frankfurt. Hier knüpfte er den entscheidenden Kontakt zur gerade gegründeten Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft (SNG). Spontan stellte er sein Leben, seine Forschungen und auch sein Millionenerbe aus dem väterlichen Bankhaus in den Dienst dieser Institution und ihrer Museumspläne, schenkte ihr sofort eine wertvolle Mineraliensammlung und sicherte ihr testamentarisch eine Zuwendung von 60.000 Gulden zu, woraufhin er als stiftendes Mitglied der SNG eingetragen wurde. Für die SNG unternahm Rüppell auch seine beiden großen Expeditionen nach Nordostafrika und in die angrenzenden arabischen Gebiete: die erste nach Ägypten (1822-1827) und die zweite nach Abessinien (dem heutigen Äthiopien, 1831-1834). Sämtliche Naturalien, die er unterwegs sammelte, überließ er großzügig der SNG als deren Eigentum, wofür diese nur den Schiffstransport zu bezahlen hatte. Die übrigen Reisekosten trug Rüppell dagegen selbst.

Nilpferd und Seekuh für die Frankfurter Tiersammlung

Nach seiner Rückkehr arbeitete Rüppell jahrzehntelang für die SNG an der Auswertung und Katalogisierung des reichhaltigen Materials, das er auf seinen Forschungsreisen zusammengetragen hatte. Er selbst verstand sich zwar hauptsächlich als „Zoolog und Mineralog“, doch arbeitete er als einer letzten Universalgelehrten auch erfolgreich auf zahlreichen anderen Wissenschaftsgebieten, wie zum Beispiel der Geologie, der Geographie, der Paläontologie, der Archäologie, der Ethnographie und der Sprachwissenschaft. So profitierte nicht nur das Senckenbergmuseum von seiner Sammeltätigkeit. Die altägyptische Abteilung des Liebieghauses basiert auf archäologischen Funden, die Rüppell aus dem Nilgebiet mitbrachte, und die Stadtbibliothek besitzt vier Papyrusfragmente, drei Totenpapyri und einen Ehevertrag, die er in Kairo erworben hat. Wirklich systematisch betrieb Rüppell jedoch die Tiersammlung, und zwar in der damals üblichen Weise, dass die Tiere getötet, ihre Bälge vor Ort präpariert und an das Senckenbergmuseum geschickt wurden. Dort staunten dann die Zeitgenossen über die ausgestopfte Fauna Afrikas, bis hin zum Nilpferd, was sie zuvor – vor Einführung von zoologischen Gärten – noch nie so naturgetreu gesehen hatten. Bis heute legendär ist etwa die Seekuh, die Rüppell im Dezember 1831 auf einer Insel des Dahalak-Archipels im Roten Meer von Seeräubern erhielt und nach Frankfurt sandte. Insgesamt beschrieb er als Zoologe 30 neue Tiergattungen und knapp 450 neue Arten1.

Letzte Lebensjahre in großer Einsamkeit

Als persönliche Niederlage musste es der mittlerweile 55 Jahre alte Forscher empfinden, dass er eine erneut geplante große Afrikaexpedition nach einem neunmonatigen Aufenthalt in Ägypten 1849/50 abbrechen musste, weil er den Strapazen gesundheitlich nicht mehr gewachsen war. Nach einem Zerwürfnis mit der SNG 1858 gab er seine Tätigkeit dort auf. Künftig widmete sich Rüppell intensiv der Numismatik. Er baute die städtische Münzsammlung auf, die heute ein besonderer Schatz des Historischen Museums ist. Insgesamt veröffentlichte er acht große numismatische Arbeiten, von denen die letzte in seinem 83. Lebensjahr erschien. Im Sommer 1881 erlitt Rüppell in seiner Wohnung einen Oberschenkelhalsbruch, von dem er nicht recht genas – auch weil er die ärztliche Behandlung in einem Krankenhaus verweigerte. Im März 1883 trat er auf dem 3. Deutschen Geographentag letztmals öffentlich in Erscheinung. Eigentlich verbrachte der Junggeselle seine letzten Lebensjahre jedoch in großer Einsamkeit, wenn er auch von einer Haushälterin betreut wurde. Allmählich – so sein Biograph Robert Mertens – zeigte er zudem „eine bedauerliche Trübung seines Denkvermögens“, offenbar Anzeichen einer beginnenden Demenz. Seine alte Leidenschaft aber hatte der Greis nicht vergessen: Blatt um Blatt füllte er mit den Namen ferner Städte, als wollte er eine neue Reise in die Tropen planen. Knapp drei Wochen nach seinem 90. Geburtstag starb Eduard Rüppell. Nur wenige Vertreter städtischer Institutionen folgten seinem Sarg. Der einst so berühmte Afrikaforscher war fast vergessen.

Sabine Hock

Service PRESSE.INFO, hg. v. Presse- und Informationsamt der Stadt Frankfurt am Main, Feature vom 01.12.2009

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1 Dazu gehören der Dschelada-Pavian, die Makakenäffchen, die Säbelantilope, der Defassa-Wasserbock, der äthiopische Simien-Wolf, der Erzrabe, das Borstenhörnchen und - der Nacktmull, ein unterirdisch lebendes Nagetier, das heute jedes Kind kennt, da ein Exemplar namens Rufus in der populären Comicserie „Kim Possible“ eine Hauptrolle spielt. (Diese Anmerkung erscheint hier auf besonderen Wunsch meiner Tochter.)

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