Klassizismus: Die Eleganz der Zurückhaltung

Im 19. Jahrhundert war Frankfurt eine klassizistische Stadt. Wie ein „riesiges Kamelienbukett in einem Kranz von Heidekraut“ sehe es „mit seinen weiß, pistaziengrün und rosa angemalten Häusern“ aus, berichtete der französische Schriftsteller Alexandre Dumas 1838. Entlang des Grüngürtels rund um den mittelalterlichen Stadtkern ebenso wie am Mainufer reihten sich seit den 1820er Jahren helle, großzügige Wohnhäuser in klassizistischer Bauweise.

Eine Perle von der Schnur klassizistischer Bauten, die einst die Frankfurter Mainfront bildete, ist das Wohnhaus am Untermainkai 4. Stadtbaumeister Johann Friedrich Christian Hess errichtete es 1823 für den Arzt Georg Hermann Schilling. Es erfüllt die obersten Gebote klassizistischen Bauens – klare Proportionen, strenge Symmetrie und schlichte Gestaltung – geradezu musterhaft.

Wohnhaus Untermainkai 4
Klassizistisches Wohnhaus am Untermainkai 4 (1823), Foto: Wolfgang Faust

In der Horizontalen, die als bestimmende Kraft galt, wird das annähernd kubische Gebäude durch ein umlaufendes Gesimsband in Erd- und Obergeschoss unterteilt. Um den Bau optisch nicht in der Breite zerfließen zu lassen, soll die fünfachsige Vertikale der Fenster ausgleichend wirken. Von eleganter Zurückhaltung ist auch der Fassadenschmuck: Nur die Hausecken sind durch eine Quaderung betont, und über dem Türsturz zum Eingang befindet sich ein sandsteinerner Palmettenfries.

Das Frankfurt der klassischen Moderne wurde im Zweiten Weltkrieg bis auf ein Zehntel seiner Bausubstanz zerstört. Das Haus am Untermainkai 4 blieb erhalten. Die Degussa AG erwarb es im Jahr 1955. Noch nutzt die heutige Evonik Degussa GmbH ihr „Traditionshaus“ für besondere Empfänge und Präsentationen. Mit seinem hellen Putz und den grünen Fensterläden gleicht es seiner älteren Schwester von gegenüber, der jüngst restaurierten Villa Metzler auf der Sachsenhäuser Mainseite, die zum Museum für Angewandte Kunst gehört.

Sabine Hock

Frankfurter Rundschau, Immobilienbeilage, Kolumne „Baustile in Hessen“ vom 31.10.2009

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