Sie passte in keine Schublade

Vor 150 Jahren starb die Frankfurter Romantikerin Bettine von Arnim

Das Freie Deutsche Hochstift/Frankfurter Goethe-Museum eröffnet zum 150. Todestag von Bettine von Arnim am 20. Januar eine große Gedenkausstellung, die erstmals Bettines Schaffensgeschichte in den Blickpunkt rückt. Die 1785 in Frankfurt geborene vielseitig Begabte pflegte alle Kunstarten und suchte zudem die Verbindung von Kunst und Wissenschaft.

Frankfurt am Main (pia) Schon vor fast 200 Jahren hatte diese Frau ihr Notebook immer dabei. Frei und unabhängig von allen äußeren Umständen konnte Bettine von Arnim damit überall arbeiten, wo sie wollte. Mit ihrer Handtasche nämlich. Das gute Stück aus grünem Leder, das sich die rastlose Künstlerin eigens hatte anfertigen lassen, sah von außen eher unscheinbar aus. Doch ließ es sich zu einer geräumigen Schreibunterlage aufklappen, in deren Fächern allerhand Manuskripte, Skizzen und andere Papiere Platz fanden. In den Taschenboden integriert war eine hölzerne Schublade für Tintenfass, Federn, Stifte und Kreide zum Schreiben und Zeichnen. Und auch Stricknadeln und andere Handarbeitsutensilien passten in das Kästchen noch hinein. Denn immerhin war Bettine auch Mutter von sieben Kindern und musste „nebenbei“ ihre hausfraulichen Pflichten erledigen. Jetzt ist die außergewöhnliche Handtasche in Frankfurt zu besichtigen, zusammen mit anderen bedeutenden Exponaten in einer großen Gedenkausstellung, die das Freie Deutsche Hochstift/Frankfurter Goethe-Museum zum 150. Todestag von Bettine von Arnim am 20. Januar eröffnet.

Die zweitberühmteste Frankfurterin

Gleich nach der Dichtermutter Catharina Elisabeth Goethe ist Bettine von Arnim geb. Brentano wohl die „zweitberühmteste“ Frankfurterin. Als Tochter des aus Italien eingewanderten Kaufmanns Peter Anton Brentano und seiner Frau Maximiliane wurde sie am 4. April 1785 in Frankfurt geboren. Der Enkelin der Schriftstellerin Sophie von La Roche, jüngeren Schwester des Dichters Clemens Brentano und späteren Ehefrau von dessen Freund und Kollegen Achim von Arnim war die künstlerische Laufbahn scheinbar vorbestimmt. Aber das Mädchen erhielt nur eine unzulängliche Ausbildung. Nach dem frühen Tod der Eltern wollte Bettines Halbbruder Franz, nunmehriges Oberhaupt der Familie und des väterlichen Handelshauses, schnellstmöglich die jüngeren Brüder zu tüchtigen Kaufleuten ausgebildet und die Schwestern in standesgemäßen Ehen versorgt wissen. „Bettine kann gut werden“, schrieb er einmal, „wenn sie einfach und natürlich bleibt und nicht eigne Länder entdecken will“, wo „keine weibliche Glückseligkeit“ zu gewinnen sei.

Eine Gegenwelt im Kreise der Romantiker

Doch Bettine war längst aufgebrochen. Lesend erschloss sie sich eine Gegenwelt zur familiären Realität des Frankfurter Handelshauses. Von der Familie „misshandelt“, so ihr aus eigener Erfahrung mitleidender Bruder Clemens, suchte sie die Freundschaft mit Karoline von Günderrode, dann - nach einem Zerwürfnis mit der Dichterin - die Nähe zu Frau Aja, Goethes Mutter, die sie fast täglich besuchte. Dem Drängen der Brüder auf eine baldige Verheiratung entzog sich Bettine, indem sie immer wieder für eine Zeitlang bei ihren auswärts verheirateten Schwestern Gunda und Lulu lebte - „nur um nicht in Frankfurt zu sein“, wie sie selbst einmal notierte, „wo mich die Luft drückt wie die Menschen“. Bei Gunda in Marburg kam Bettine dagegen in den Kreis der Romantiker um ihren Bruder Clemens Brentano und dessen Freund Achim von Arnim, dem auch die Brüder Grimm, damals noch als Studenten in der Lahnstadt, angehörten.

Ihr erstes Buch veröffentlicht sie mit 50 Jahren

Bald nachdem Bettine 25 Jahre alt und damit mündig geworden war, verlobte sie sich mit Achim von Arnim. Aus der 1811 geschlossenen Ehe gingen die Söhne Freimund, Siegmund, Friedmund und Kühnemund sowie die Töchter Maximiliane, Armgard und Gisela hervor. Ihren Lebensmittelpunkt hatte Bettine künftig, bis zu ihrem Tod 1859, in Berlin. Erst nach Arnims frühem Tod 1831 trat Bettine als Schriftstellerin hervor. Im Alter von 50 Jahren veröffentlichte sie ihr erstes Buch, den Briefroman „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde“ (1835), der sie schlagartig berühmt machte. Sie verarbeitete darin ihre unermessliche Verehrung für Goethe, die sie kultivierte, seit sie als Backfisch die Briefe des Dichters an ihre Großmutter Sophie von La Roche gefunden hatte. Das Goethebuch, dem sie zwei weitere Briefromane mit autobiographischem Bezug („Die Günderode“, 1840, und „Clemens Brentanos Frühlingskranz“, 1844) folgen ließ, sah Bettine allerdings nur als Mittel zum Zweck: Es sollte zur Finanzierung eines Goethedenkmals beitragen. Das Denkmalprojekt, an dem sie bereits seit 1823 arbeitete, war ihr zur Herzens-, ja Lebensaufgabe geworden. Wenige Jahre vor Bettines Tod wurden ihre Entwürfe von dem Bildhauer Karl Steinhäuser endlich in Marmor ausgeführt. Heute sitzt Bettines Goethe im Neuen Museum zu Weimar. Die jetzige Frankfurter Gedenkausstellung zeigt ein Gipsmodell davon.

Eine einzigartige Vielfachbegabung

Die künstlerische Anerkennung blieb Bettine von Arnim lange versagt. Meist wird sie nicht als „echte“ Schriftstellerin angesehen, weil ihre Bücher „nur“ autobiographisch sind, und andererseits auch nicht als „wahre“ Chronistin anerkannt, weil ihre Darstellungen manchmal historisch nicht stimmen. Aus der „halben“ Schriftstellerin will die Frankfurter Ausstellung im Goethe-Museum endlich eine ganze Künstlerin machen, indem sie erstmals Bettines Schaffensgeschichte in den Blickpunkt rückt. Denn tatsächlich war das Schreiben für Bettine nur ein Teil ihres vielseitigen Wirkens. Mit ihrer einzigartigen Vielfachbegabung versuchte sie vielmehr, die romantische Idee einer universalen „Lebenskunst“ praktisch umzusetzen. Sie pflegte alle Kunstarten, schrieb, zeichnete, komponierte, suchte zudem die Verbindung von Kunst und Wissenschaft. Sie interessierte sich für Philosophie, Theologie und Pädagogik ebenso wie für die Naturwissenschaften, gehörte zu den Pionieren der Homöopathie, korrespondierte mit den bedeutendsten Persönlichkeiten ihrer Zeit, engagierte sich auf sozialem Gebiet und mischte sich in die aktuelle Politik ein. Eine wie Bettine passt in keine Schublade. Das wollte sie auch nie. Sie wollte „die Welt umwälzen“.

Sabine Hock

Die Ausstellung „‚Die Welt umwälzen‘ - Bettine von Arnim geb. Brentano (1785-1859)“ des Freien Deutschen Hochstifts ist vom 21. Januar bis 5. April im Frankfurter Goethe-Museum, Großer Hirschgraben 23-25, 60311 Frankfurt am Main, zu sehen. Zur Ausstellung erscheint ein farbig bebilderter Katalog zum Preis von 19,50 Euro.

Service PRESSE.INFO, hg. v. Presse- und Informationsamt der Stadt Frankfurt am Main, Feature vom 13.01.2009

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