Um 4.47 Uhr kam der erste Zug

Vor 120 Jahren wurde der Frankfurter Hauptbahnhof eröffnet

Von Anfang an galt er als Eisenbahnpalast der Superlative: Der Frankfurter Hauptbahnhof, vor 120 Jahren, am 18. August 1888, eröffnet, entwickelte sich schnell zu einem europäischen Verkehrsknotenpunkt. Vor seiner Tür entstand ein nobles Stadtviertel, das heutige Bahnhofsviertel, mit der Kaiserstraße als die zentrale auf den Hauptbahnhof zuführende Prachtstraße.

Frankfurt am Main (pia) In der Nacht vor der Eröffnung des neuen Zentralbahnhofs verlegten 1.200 Arbeiter draußen bei Fackelschein die letzten Verbindungsgleise. Drinnen, in den erstmals elektrisch hell erleuchteten Hallen, versammelte sich um 4 Uhr früh das Dienstpersonal auf dem Querperron. Dann kam der große Moment: Pünktlich um 4.47 Uhr fuhr der erste Zug, der Nachtzug 306 aus Hamburg, in den Hauptbahnhof ein, mit blumengeschmückter Lokomotive und unter brausenden Hurrarufen, aber ohne jegliche offizielle Einweihungsfeier. Auf die übliche Zeremonie mit Festrednern, Ehrenjungfrauen und Militärkapellen musste in der Zeit der Trauer um den kurz zuvor verstorbenen Kaiser Friedrich III. verzichtet werden. Die Bürger der Mainstadt weihten „ihren“ Bahnhof ohnehin viel passender ein: mit dem Zug. Denn jenem allerersten aus Hamburg entstiegen zum Erstaunen der Anwesenden gleich Hunderte von Frankfurtern. Sie waren nachts nach Bockenheim hinausgewandert, an die nächste Station vor der Stadt, um dort zuzusteigen und als erste im neuen Bahnhof anzukommen.

Eisenbahnknoten von europäischem Rang

Damit war vor 120 Jahren, am 18. August 1888, der Frankfurter Hauptbahnhof eröffnet. Seit dem Start des regelmäßigen Zugverkehrs mit der „Taunusbahn“ nach Wiesbaden (1840) hatte sich Frankfurt, auch dank seiner Bedeutung als internationales Handelszentrum, schnell zu einem Eisenbahnknoten von europäischem Rang entwickelt. Ursprünglich verteilte sich der Hauptverkehr auf drei Bahnhöfe. Auf Initiative des preußischen Staates, der sich die Freie Stadt Frankfurt 1866 einverleibt hatte, wurde bereits seit 1872 geplant, den Bahnverkehr künftig in einem neuen „Centralbahnhof“ zusammenzuführen. Auf dem früheren Galgenfeld, weit westlich vor der damaligen Stadtgrenze, sollte ein riesiger Kopfbahnhof entstehen, wofür bereits 1879 die Gleisarbeiten begannen. An der im folgenden Jahr ausgeschriebenen „Concurrenz“ für das Bahnhofsgebäude beteiligten sich alle maßgebenden Architekten der Zeit. Aus den 59 eingereichten Arbeiten wählte die Jury in dreimonatigen Diskussionen den Entwurf des Landbauinspektors Hermann Eggert aus Straßburg aus. Unter dessen Planung und Leitung entstand von 1883 bis 1888 das Empfangsgebäude, während der Berliner Ingenieur Johann Wilhelm Schwedler die damals völlig neuartige Stahlkonstruktion der drei Perronhallen schuf. Mit der Einweihung des über 6,8 Millionen Mark teuren Hauptbahnhofs 1888 wurden die alten Westbahnhöfe und deren Gleisanlagen überflüssig. Auf ihrem Gelände entstand in den folgenden Jahrzehnten ein neues, nobles Stadtviertel, das heutige Bahnhofsviertel, mit der Kaiserstraße als zentraler, auf den Hauptbahnhof zu führender Prachtstraße.

Auf dem Dach stemmt Atlas die Weltkugel

Am 1. Mai 1889 wurde dem Frankfurter Hauptbahnhof die Krone aufgesetzt: In einer spektakulären Aktion um fünf Uhr früh wurde die 120 Zentner schwere Atlasgruppe des Bildhauers Gustav Herold auf den Scheitelpunkt des Dachs gezogen. Seitdem stemmt dort oben Atlas, unterstützt von Dampf und Elektrizität, die Weltkugel. Von Anfang an galt der Frankfurter Hauptbahnhof als ein Eisenbahnpalast der Superlative. Bis zur Eröffnung des Leipziger Hauptbahnhofs 1915 war er unumstritten der größte Kopfbahnhof Europas, und bis heute schätzt ihn seine Eigentümerin, die Deutsche Bahn AG, als eine ihrer monumentalsten und repräsentativsten Anlagen sowie als wichtigste Drehscheibe im deutschen Zugverkehr.

Der Orientexpress kam erst im Wartesaal zu stehen

Auch einen eher zweifelhaften Rekord hält der Frankfurter Hauptbahnhof: Zum ersten Unfall im Betrieb kam es noch am späten Abend des Eröffnungstages, als ein aus Wiesbaden kommender Zug nicht rechtzeitig bremsen konnte und den Prellbock überfuhr. Glücklicherweise gab es dabei nur Sachschäden. Ein ähnlicher Zwischenfall ging am Nikolaustag 1901 gerade noch einmal glimpflich ab. Kurz vor fünf Uhr in der Frühe schoss der Orientexpreß aus Ostende mit überhöhter Geschwindigkeit über den Prellbock hinaus. Die Lokomotive raste über den Querbahnsteig, durchbrach eine Wand des Empfangsgebäudes und kam erst im südlichen Wartesaal 2. Klasse zum Stehen. Der Lokomotivführer, der es wegen einer anderthalbstündigen Verspätung offenbar doch zu eilig gehabt hatte, kam mit leichten Quetschungen davon. Wie durch ein Wunder wurde sonst niemand verletzt. Die Frankfurter hatten ihre Sensation: Sofort pilgerten sie in Scharen zum Hauptbahnhof, und wer den Zug im Wartesaal verpasst hatte, konnte dessen Fotografie schon am nächsten Tag auf Postkarten kaufen.

Über den Dächern aus Stahl und Glas der Himmel

Im Laufe seiner 120-jährigen Geschichte wurde der Hauptbahnhof immer wieder ausgebaut und modernisiert, wobei er aber sein historisches Gesicht weitgehend wahrte. Von 1912 bis 1924 wurde er von drei auf fünf Hallen (mit 24 Gleisen auf 13 Bahnsteigen) erweitert; am Empfangsgebäude entstanden zugleich zwei neue Kopfbauten im neoklassizistischen Stil. In der Nachkriegszeit, bis weit in die fünfziger Jahre hinein, mussten hauptsächlich die - zwar nicht allzu schweren - Bombenschäden am Bahnhofskomplex ausgebessert werden. Einer anschließenden Modernisierung der Innengestaltung bis 1958 fielen allerdings Teile des kaiserzeitlichen Bauschmucks im Bahnhofsgebäude zum Opfer. 1975 wurde der Tiefbahnhof für den Nahverkehr eröffnet. Im Mittelpunkt der jüngsten Sanierung standen die fünf Bahnsteighallen, deren Dächer aus Stahl und Glas von 2002 bis 2006 komplett erneuert wurden. Heute sehen die Gleishallen wieder ganz so aus, wie es sich die Erbauer des Hauptbahnhofs einst gedacht hatten, und die Reisenden, wenn sie in ihrer Hast einen Augenblick übrig haben, können durch das lichte Glasdach in den Himmel schauen.

Sabine Hock

Weitere Geschichten zur Geschichte des Frankfurter Hauptbahnhofs finden sich in dem 2007 erschienenen Buch „Der Hauptbahnhof zu Frankfurt am Main - Aufstieg, Fall und Wiedergeburt“ von Volker Rödel (Konrad Theiss Verlag, Stuttgart, 230 S.), das zum Preis von 29,95 Euro im Buchhandel erhältlich ist.

An der „Bahnhofsviertelnacht“ am 14. August zwischen 19 und 23 Uhr, die das Presse- und Informationsamt der Stadt organisiert, nehmen Ateliers, Clubs, Hotels, Institutionen, Läden, Vereine und Menschen, die im Bahnhofsviertel leben und arbeiten, teil. Geboten werden Führungen, Filme, Fotoausstellungen, Vorträge, Musik, Essen und Informationen.
Das Jubiläumsfest zum 120. Geburtstag des Hauptbahnhofs findet vom 15. bis 17. August statt.

Weitere Informationen im Presse- und Informationsamt gibt: Gabriele Wibelitz, Telefon: (069) 212-33403; E-Mail: gabriele.wibelitz@stadt-frankfurt.de

Service PRESSE.INFO, hg. v. Presse- und Informationsamt der Stadt Frankfurt am Main, Feature vom 05.08.2008

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