Von zahmen und wilden Tieren in der City

150 Jahre Zoologischer Garten Frankfurt

- Langfassung -

Das Projekt brachte acht honorige Herren zum Schwärmen. Um auch ihre Mitbürger für die Idee zu begeistern, gründeten sie 1857 ein Komitee und veröffentlichten eine Werbeschrift. „Welche angenehme Erholung, in einem schönen Garten spazierend, die lebendigen Schöpfungen aller Gegenden und Zonen in ihren Eigenthümlichkeiten betrachten, in ihrer Mannichfaltigkeit bewundern zu können!“, beschworen sie darin das Großstadtidyll der Zukunft: einen Zoologischen Garten. Träger dieser neuartigen Einrichtung sollte eine Aktiengesellschaft werden, die ihre Arbeit mit einem Anfangskapital von 50.000 Gulden aufnehmen wollte. Die wohlhabenden Frankfurter von Binding bis Rothschild beteiligten sich so eifrig, dass bei der ersten Generalversammlung der Zoologischen Gesellschaft am 7. März 1858 bereits über 80.000 Gulden von 246 Aktionären gezeichnet waren. Daraufhin stockte die Versammlung das Startkapital gleich auf 100.000 Gulden auf. So ganz sicher war die Sache dennoch nicht. Nach dem 1844 gegründeten Berliner Zoo war der Frankfurter Zoologische Garten immerhin erst das zweite Unternehmen seiner Art in Deutschland. Die Zoologische Gesellschaft entschloss sich daher zunächst zur Einrichtung eines „Probezoos“, wofür sie das Grundstück an der Bockenheimer Landstraße nur anmietete. Der etwa 15 Morgen große Garten mit seinem prächtigen alten Baumbestand eignete sich hervorragend für die Zwecke der Zoologischen Gesellschaft, die den Bürgern stadtnah Erholung und Bildung im Grünen bieten wollte.

Vor 150 Jahren, am 8. August 1858, wurde der Zoologische Garten in Anwesenheit der Spitzen der Stadt feierlich eröffnet. Bei herrlichem Sonntagswetter stieß die „schöne Anlage“ mit dem „reichen“ Bestand „zahmer und wilder Tiere“ sofort auf das rege Interesse des Publikums. Da das Füttern der Tiere noch nicht verboten war, litten die meisten Zoobewohner am folgenden Tag unter verdorbenem Magen. „Ein Ziegenbock aus Senegambien“, so meldete die Presse, „mußte das Naschen sogar mit dem Leben büßen.“ Obwohl sich die Gesamtanlage nach nur fünfmonatiger Entstehungszeit noch im Aufbau befinden musste, waren am Eröffnungstag schon etwa zehn Affenarten, zwei Beuteltierarten, ein Braunbär, ein Eisbär und mehrere Kleinbären, ein Zebra, verschiedene Hirsche, eine Gazelle, eine Gemse, eine sehr große Vogelsammlung sowie einige Reptilien und Amphibien zu sehen. Vor allem dank großzügiger Geschenke einzelner Stifter lebten bereits zum Jahresende 1858 insgesamt 589 Tiere von 151 Arten im Frankfurter Zoo. Noch wurde mit Rücksicht auf die besorgten menschlichen Anwohner der Umgegend allerdings auf „gefährliche Raubtiere“ verzichtet. Erst 1860 ließ sich die Zoologische Gesellschaft die Haltung von Großkatzen vom Senat der Stadt genehmigen, und im November desselben Jahres kam der erste Leopard nach Frankfurt, dem 1861/62 eine dreiköpfige Löwengruppe folgte.

Gerade wegen seines Erfolgs stieß der „Probezoo“ an der Bockenheimer Landstraße schnell an seine Grenzen. Zumal der dortige Mietvertrag eigentlich nur über zehn Jahre lief und nicht verlängert werden sollte, begann die Suche nach einem neuen, eigenen und größeren Quartier für den Zoo. Infolge der politischen Ereignisse nach den Kriegen von 1866 und 1870/71 aber zogen sich die Verhandlungen hin. Schließlich pachtete die Neue Zoologische Gesellschaft, die am 31. Oktober 1872 unter erheblicher Aufstockung des Kapitals aus der alten AG hervorgegangen war, ein Grundstück auf der Pfingstweide im Osten der Stadt. Auf dem etwa 37 Morgen großen Freigelände aus städtischem Besitz, das bisher meist militärisch genutzt worden war, begannen am 3. März 1873 die Bauarbeiten für den neuen Zoo. Unter der Federführung von Zoodirektor Max Schmidt entstand in Zusammenarbeit mit dem Architekten Otto Lindheimer, dem Bauingenieur Lorenz Müller und dem Stadtgärtner Andreas Weber ein Landschaftspark, in dem die Tierhäuser und Gehege um einen großen Weiher herum angeordnet waren. Spektakulärster Neubau war das Raubtierhaus, das von zwei pavillonartigen Großkäfigen für Raubkatzen flankiert wurde. Andere Tierhäuser, darunter die trutzige Bärenburg, mussten aus Kostengründen aus dem alten in den neuen Zoo versetzt werden. Während der Abbrucharbeiten an der Bockenheimer Landstraße gerieten die Tiere in Unruhe. Die indische Elefantenkuh Betsy, die als sehr gefräßig galt, wurde aggressiv gegen die Bauarbeiter, weil sie immer frühstückten, ohne ihr etwas abzugeben. Auch versuchte das nervös gewordene Tier, beim Abbruch des Elefantenhauses zu „helfen“, indem es den Plattenboden in Reichweite seines Rüssels abhob und einmal sogar die Barriere vor seinem Stall hochriss.

Am 9. Februar 1874 begann der Umzug der knapp 1.200 Tiere, und am 29. März 1874 wurde der neue Zoologische Garten an der Pfingstweide eröffnet. Längst war nicht alles fertig. Ein paar Tiere waren noch nicht übergesiedelt. Das neue Raubtierhaus und das Affenhaus konnten erst ein paar Wochen später eingeweiht werden. Der bereits geplante Bau des Gesellschaftshauses, den die Stadt zur Aufwertung ihres östlichen Gebietes verlangt hatte, und des Aquariums auf dem Burgberg wurden 1876/77 verwirklicht. Die dafür erforderlichen Investitionen brachten die Neue Zoologische Gesellschaft in wirtschaftliche Schwierigkeiten, die erst durch einen Kooperationsvertrag mit der Stadt 1888 gelöst werden konnten. Nach erneuten Krisen ging der Zoo 1915 ganz in städtische Hand über. Die Hungerjahre des Ersten Weltkriegs überlebte nur ein Drittel des früheren Tierbestands. Einer Sanierung des inzwischen sehr beengt in der Innenstadt liegenden Zoos wirkten in den zwanziger Jahren weitreichende Pläne zu seiner erneuten Verlegung, etwa an die Louisa in den Stadtwald, entgegen. Mit der Entscheidung gegen den Umzug im Januar 1937 begann eine kurze Blütezeit des Zoos, in der einige attraktive Tieranlagen entstanden, u. a. die Elefantenanlage (1938) und die Robbenanlage (1939). Im bereits 1933 eingeweihten Menschenaffenhaus wurde am 11. April 1939 erstmals ein Schimpanse in Frankfurt geboren, ein Weibchen, das gut frankfurterisch „Sannchen“ genannt wurde.

Bei dem schweren Luftangriff auf Frankfurt am 18. März 1944 wurde der Zoo fast völlig zerstört. Das Gesellschaftshaus und die meisten Tierhäuser waren nur noch ausgebrannte Ruinen. Unzählige Tiere waren ums Leben gekommen oder mussten getötet werden, darunter sämtliche Raubkatzen, die sonst schnell aus ihrem gewaltsam geöffneten Käfig hätten entkommen können. Die Schimpansin Fine verkraftete die Aufregungen nicht und erlitt einige Tage später einen Herzschlag. Der Flusspferdbulle Toni dagegen war einfach in seinem Wasserbecken abgetaucht und hatte den Feuersturm über sich hinwegstreichen lassen. Trotz der Katastrophe wurde der Zoo nicht geschlossen. Nach provisorischen Aufräumungsarbeiten öffnete im Juli 1944 wieder die Kasse. Inspektor Gustav Lederer, der Chef des Aquariums, versorgte mit drei alten Tierpflegern die wenigen überlebenden Tiere. Kurz vor Kriegsende bekam der zuständige städtische Amtmann Fritz Acker obersten Befehl, die letzten Tiere zu erschießen. Doch er weigerte sich. So konnte Bernhard Grzimek, bereits am 1. Mai 1945 zum neuen Zoodirektor eingesetzt, die Schließung des traditionsreichen Tierparks endgültig verhindern. In einem Handstreich, ohne Genehmigung der amerikanischen und der städtischen Behörden, eröffnete er den Zoologischen Garten am 24. Juni 1945 wieder. Gleich in den ersten 14 Tagen kamen über 25.000 Besucher, die besonders den Star des Affenhauses, den Schimpansen Moritz, sehen wollten. Unter Grzimek schritt der Wiederaufbau des Zoos zügig voran. Die Mittel dafür sicherte der findige Zoochef durch die Ansiedlung eines attraktiven Vergnügungsparks am Zoo, wodurch der Tiermangel der ersten Nachkriegszeit in der Publikumsgunst ausgeglichen wurde.

Noch lange nach seiner Gründung 1858 war der Zoologische Garten eher eine Tiersammlung gewesen, die möglichst viele Arten zeigen wollte – auch wenn den Tieren oft nur kurze Lebensdauer in der Gefangenschaft beschieden war. Schon in den zwanziger Jahren begriff aber der damalige Zoodirektor Kurt Priemel, welche Rolle die modernen Zoologischen Gärten bei der Erhaltung und dem Schutz bedrohter Tierarten spielen konnten. So gründete er 1923 die „Internationale Gesellschaft zur Erhaltung des Wisents“, der zu verdanken ist, dass der Wisent heute nicht mehr als bedrohte Tierart gilt. Seit Grzimek genießen Arterhaltung und Naturschutz endgültig absolute Priorität. Unter diesen Vorzeichen führte der durch Film und Fernsehen bekannte Direktor den Frankfurter Zoo zur Weltgeltung. Nachdem in den achtziger Jahren erneute Verlegungs- und Erweiterungspläne, das damalige Projekt „Nidda-Zoo“, scheiterten, musste der Zoo auch bei der Tierhaltung grundsätzlich umdenken und sich auf weniger Tierarten konzentrieren, um sie auf dem nur beschränkt zur Verfügung stehenden Raum eines „Innenstadtzoos“ artgerecht halten und präsentieren zu können. So gibt es bereits seit 1984 keine Elefanten mehr im Frankfurter Zoo. Dafür konnten – nach der Aufgabe weiterer Umzugspläne (u. a. an den Niederurseler Hang und auf den Eulenberg) – seit 1999 endlich einige moderne Tieranlagen geschaffen werden, in denen Besucher die Tiere in ihren naturnahen Lebensräumen beobachten können, u. a. der Katzendschungel (2001), die Robbenklippen (2002) und vor kurzem der Borgoriwald (2008), das neue Menschenaffenhaus, das gerade pünktlich zum 150. Jubiläum des Zoos eröffnet wurde.

Sabine Hock

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