Von zahmen und wilden Tieren in der City

150 Jahre Zoologischer Garten Frankfurt

Arterhaltung und Naturschutz - das sind die Leitmotive des Zoologischen Gartens Frankfurt. Sie genießen absolute Priorität, seit Direktor Bernhard Grzimek den Zoo in der Nachkriegszeit zur Weltgeltung führte. Gegründet wurde der Tiergarten vor 150 Jahren. Das Jubiläum wird in diesem Jahr mit einem großen Festprogramm begangen.

Frankfurt am Main (pia) Am Tag nach der Eröffnung litten die meisten Zoobewohner unter verdorbenem Magen. „Ein Ziegenbock aus Senegambien“, so meldete die Presse, „mußte das Naschen sogar mit dem Leben büßen.“ Obwohl sich die Gesamtanlage an der Bockenheimer Landstraße noch im Aufbau befand, waren am Eröffnungstag am 8. August 1858 schon etwa zehn Affenarten, zwei Beuteltierarten, ein Braunbär, ein Eisbär und mehrere Kleinbären, ein Zebra, verschiedene Hirsche, eine Gazelle, eine Gemse, eine sehr große Vogelsammlung sowie einige Reptilien und Amphibien zu sehen. Bei herrlichem Sonntagswetter hatte die „schöne Anlage“ mit dem „reichen“ Bestand „zahmer und wilder Tiere“ sofort das Publikum angezogen - dem das Füttern der Tiere noch nicht verboten war.

1860 kam der erste Leopard

Nach dem 1844 gegründeten Berliner Zoo war der Frankfurter Zoologische Garten erst das zweite Unternehmen seiner Art in Deutschland. Vor allem dank großzügiger Geschenke einzelner Stifter lebten hier bereits zum Jahresende 1858 insgesamt 589 Tiere von 151 Arten. Noch wurde mit Rücksicht auf die besorgten menschlichen Anwohner der Umgegend allerdings auf „gefährliche Raubtiere“ verzichtet. Erst im November 1860 kam der erste Leopard nach Frankfurt, dem bald eine dreiköpfige Löwengruppe folgte. Gerade wegen seines Erfolgs stieß der Zoo an der Bockenheimer Landstraße schnell an seine Grenzen. Auf der Pfingstweide im Osten der Stadt, auf einem etwa 37 Morgen großen Freigelände aus städtischem Besitz, begannen daher im März 1873 die Bauarbeiten für einen neuen Zoo. Spektakulärster Neubau war das Raubtierhaus, das von zwei pavillonartigen Großkäfigen für Raubkatzen flankiert wurde. Andere Tierhäuser, darunter die mächtige Bärenburg, mussten aus Kostengründen vom alten auf das neue Gelände versetzt werden. Während der Abbrucharbeiten gerieten einige der knapp 1.200 Tiere in Unruhe. Die indische Elefantenkuh Betsy, die als sehr gefräßig galt, wurde aggressiv gegen die Bauarbeiter, weil sie immer frühstückten, ohne ihr etwas abzugeben. Am 29. März 1874 war es dann soweit: Der neue Zoologische Garten an der Pfingstweide wurde eröffnet.

Schimpansin Sannchen war ein Frankfurter Mädchen

In den zwanziger Jahren lag der Zoo, der 1915 ganz in städtische Hand übergegangen war, längst nicht mehr auf freiem Feld, sondern mitten in der City. Daher wurde dessen erneute Verlegung, etwa in den Stadtwald, erwogen. Mit der Entscheidung gegen den Umzug begann Ende der dreißiger Jahre eine kurze Blütezeit des Zoos, in der einige attraktive Tieranlagen entstanden, u. a. die Elefantenanlage (1938) und die Robbenanlage (1939). Im bereits 1933 eingeweihten Menschenaffenhaus wurde am 11. April 1939 erstmals ein Schimpanse in Frankfurt geboren, ein Weibchen, das gut frankfurterisch „Sannchen“ genannt wurde.

Flusspferd Toni überlebte den Feuersturm unter Wasser

Bei dem schweren Luftangriff auf Frankfurt am 18. März 1944 wurde der Zoo fast völlig zerstört. Die meisten Tierhäuser waren nur noch ausgebrannte Ruinen. Unzählige Tiere waren ums Leben gekommen oder mussten getötet werden, darunter sämtliche Raubkatzen, die sonst schnell aus ihrem gewaltsam geöffneten Käfig hätten entkommen können. Die Schimpansin Fine verkraftete die Aufregungen nicht und erlitt einige Tage später einen Herzschlag. Der Flusspferdbulle Toni dagegen war einfach in seinem Wasserbecken abgetaucht und hatte den Feuersturm über sich hinweg streichen lassen.

Moritz wird zum Star des Affenhauses

Am 1. Mai 1945 wurde Bernhard Grzimek als neuer Zoodirektor eingesetzt, und schon am 24. Juni 1945 eröffnete er den Zoo wieder - in einem Handstreich, ohne Genehmigung der amerikanischen und der städtischen Behörden. Gleich in den ersten 14 Tagen kamen über 25.000 Besucher, die besonders den Star des Affenhauses, den Schimpansen Moritz, sehen wollten. Unter Grzimek schritt der Wiederaufbau des Zoos zügig voran. Noch lange nach seiner Gründung 1858 war der Zoologische Garten eine reine Tiersammlung gewesen, die möglichst viele Arten zeigen wollte - auch wenn den Tieren oft nur kurze Lebensdauer in der Gefangenschaft beschieden war. Schon in den zwanziger Jahren begriff aber der damalige Zoodirektor Kurt Priemel, welche Rolle die modernen Zoologischen Gärten bei der Erhaltung und dem Schutz bedrohter Tierarten spielen konnten. So gründete er 1923 die „Internationale Gesellschaft zur Erhaltung des Wisents“, der zu verdanken ist, dass der Wisent heute nicht mehr als bedrohte Tierart gilt.

Katzendschungel und Robbenklippen

Seit Grzimek genießen Arterhaltung und Naturschutz endgültig absolute Priorität. Unter diesen Vorzeichen führte der durch Film und Fernsehen bekannte Direktor den Frankfurter Zoo zur Weltgeltung. Nachdem in den achtziger Jahren erneute Verlegungs- und Erweiterungspläne scheiterten, musste der Zoo auch bei der Tierhaltung grundsätzlich umdenken und sich auf weniger Tierarten konzentrieren, um sie auf dem nur beschränkt zur Verfügung stehenden Raum eines „Innenstadtzoos“ artgerecht halten und präsentieren zu können. So gibt es bereits seit 1984 keine Elefanten mehr im Frankfurter Zoo. Dafür wurden seit 1999 einige moderne Tieranlagen geschaffen, in denen Besucher die Tiere in ihren naturnahen Lebensräumen beobachten können, u. a. der Katzendschungel, die Robbenklippen und vor kurzem der Borgoriwald, das neue Menschenaffenhaus, das gerade pünktlich zum 150. Jubiläum des Zoos eröffnet werden konnte. Unter dem neu ernannten Zoodirektor Prof. Dr. Manfred Niekisch geht der Ausbau des Zoos weiter: „Wir wollen, dass sich unsere Tiere und Besucher gleichermaßen wohlfühlen. Deshalb werden wir weitere Anlagen renovieren, andere ganz neu bauen müssen. Ziel ist, die Tiere möglichst naturnah zu präsentieren, das bedeutet auch mehr Vergesellschaftungen von Arten und weniger Tiere auf mehr Fläche. Schließlich sind unsere Tiere Stellvertreter für ihre wildlebenden Artgenossen. Sie sind Botschafter für den Schutz der Natur, der Arten und ihrer Lebensräume.“

Sabine Hock

Service PRESSE.INFO, hg. v. Presse- und Informationsamt der Stadt Frankfurt am Main, Feature vom 03.07.2008

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