Ein früher Multimedia-Macher

Der Erfinder der „Tönenden Bücher“ wurde vor 125 Jahren geboren

„Schrei der Steppe“ hieß das erste „Tönende Buch“, eine Verbindung aus Text, Ton und Bild, mit der Ludwig Koch internationales Aufsehen erregte. Der Vogelstimmenfänger, der wegen seiner jüdischen Herkunft nach England emigrieren musste, war ein Pionier der Bioakustik. Vor 125 Jahren wurde Ludwig Koch in Frankfurt am Main geboren.

Frankfurt am Main (pia) Die erste Vogelstimmenaufnahme der Welt machte ein acht Jahre alter Frankfurter Junge. Ludwig Koch hatte von seinem Vater 1889 einen Edisonphonographen bekommen, eine sensationelle Neuheit von der Leipziger Messe, womit man Töne mittels eines Stichels auf einem drehenden Wachszylinder aufnehmen und wieder abspielen konnte. Der Kleine probierte den Apparat mit dem blechernen Trichter gleich im heimischen Wohnzimmer im Frankfurter Baumweg aus: Dort zwitscherte in einem Käfig eine indische Schamadrossel, deren Gesang er auf seiner ersten Wachswalze konservierte. Seitdem sammelte Ludwig leidenschaftlich Stimmen, von seinen Mitschülern im Philanthropin ebenso wie von den Tieren im Zoo und am allerliebsten von berühmten Persönlichkeiten. Sogar Bismarck, den die Eltern Koch in Bad Kissingen trafen, wurde von dem Jungen um eine Stimmprobe gebeten. Später spezialisierte sich Ludwig Koch auf die Aufnahme von Vogelstimmen in der Natur. Zu deren Veröffentlichung erfand er das „Tönende Buch“, eine erstmals „multimediale“ Verbindung aus Text, Ton und Bild, mit der er international Aufsehen erregte.

Vor 125 Jahren, am 13. November 1881, wurde Ludwig Paul Koch in Frankfurt am Main geboren. Nach einem Violin- und Gesangstudium trat er bis zum Ersten Weltkrieg als Konzertsänger auf. Als Leiter des städtischen Ausstellungs- und Werbewesens in Frankfurt (1926-1928) initiierte er den „Sommer der Musik“ mit der Internationalen Musikausstellung „Musik im Leben der Völker“ 1927, ein europäisches Ereignis von höchstem kulturpolitischem Rang, das er auch mit organisierte. Im Jahr 1928 ging Koch als Leiter der Kulturabteilung zu der bekannten Grammophon- und Plattenfirma Carl Lindström AG nach Berlin, wo er die Möglichkeiten für den Einsatz der Schallplatte in Erziehung und Unterricht prüfen sollte. In diesem Rahmen entwickelte er das Konzept der „Tönenden Bücher“ aus Text, Bild und Ton. Die erste „multimediale“ Publikation in der Reihe hieß „Schrei der Steppe“ (1929) und brachte „tönende Bilder aus dem ostafrikanischen Busch“, die Dr. Lutz Heck, der Direktor des Berliner Zoologischen Gartens, auf einer Safari zusammengetragen hatte.

Zugleich widmete sich Ludwig Koch intensiv eigenen Tier- und insbesondere Vogelstimmenaufnahmen in der Natur, die von den Rundfunkanstalten in Frankfurt, Leipzig, Berlin, Breslau und Königsberg gesendet wurden. Längst hatte er begriffen, dass sich Vogelstimmen mit Buchstaben oder Zeichen kaum annähernd wiedergeben lassen. Er setzte daher auf die einzig authentische Lautschrift der O-Töne – und auf eine naheliegende Idee: Er regte das erste „tönende“ Vogelbestimmungsbuch an. Es erschien 1936 unter dem Titel „Gefiederte Meistersänger“ von dem Ornithologen Dr. Oskar Heinroth. Der Initiator Koch hatte damals wegen seiner jüdischen Herkunft bereits seine Stellung bei Lindström verloren und nach England emigrieren müssen.

Am 17. Februar 1936 kam Ludwig Koch in London an. In der Tasche hatte er zwar nur zehn Shilling, aber auch seine Idee der „Soundbooks“. Noch 1936 brachte er das erste in England heraus, „Songs of Wild Birds“, dem viele weitere folgten. Außerdem arbeitete er bald für die BBC, für die er als „resident birdwatcher“ naturwissenschaftliche Radiosendungen präsentierte. In England war er ein äußerst beliebter Moderator, eine richtige Radiopersönlichkeit, obwohl oder gerade weil er seinen Frankfurter Akzent nie verlor. Seine Sendungen bestückte er vorwiegend mit seinen eigenen, technisch hervorragenden Tier- und Vogelstimmenaufnahmen.

Bis ins hohe Alter ging Koch „auf die Jagd mit dem Ohr“, wie einer seiner Buchtitel lautete. Zunächst graste der „Birdman“ die Gegend von London ab, immer so gekleidet, dass er sich rasch seiner Umgebung anpassen, scheinbar mit einem Gemäuer verschmelzen oder in einen Baum verwandeln konnte. Nur an seinem aufragenden Mikrofon war er zu erkennen. In schlafloser Besessenheit verbrachte er ganze Nächte auf dem Dach des Savoy Hotels, um über der Suite von Charlie Chaplin nistende Turmfalken zu belauschen, und auf dem Balkon von Broadcasting House, um den klirrenden Gesang des Hausrotschwanzes über den Kriegsruinen von London aufzunehmen. Später bereiste der Vogelstimmenfänger die ganze Welt, vom hohen Norden, wo er unter Lebensgefahr den unheimlichen Ruf des Eistauchers einfing, bis nach Australien, wo er das Kichern vom Lachenden Hans festhielt.

Am 4. Mai 1974 ist Ludwig Koch in London gestorben. Der „Vogelmann“, der nie ein Vogelkundler war, hat es noch erlebt, dass die Wissenschaft seiner Arbeit und vor allem seinem Archiv ihre Anerkennung zollte. Mit den Stimmen der Tiere, natürlich auch der Vögel, beschäftigt sich heute sogar ein eigener Forschungszweig, die Bioakustik, als deren Pionier Ludwig Koch gelten darf.

Sabine Hock

Wochendienst, hg. v. Presse- und Informationsamt der Stadt Frankfurt am Main, Nr. 43 vom 31.10.2006

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