Der hessische Molière wird Kult

Frankfurter Sommertheaterfestival im Bolongarogarten mit Michael Quast

Am 19. Juli startet das neue Sommertheaterfestival „Barock am Main“ im Höchster Bolongarogarten. Die Theatertruppe um Wolfgang Deichsel und Michael Quast präsentiert vor der stilvollen Kulisse des Bolongaropalastes am Mainufer den hessischen Molière. Angestoßen wird damit ein weiteres von vielen Mundartprojekten - der Dialekt boomt.

Frankfurt am Main (pia) Molière auf hessisch? Noch hatte nie jemand gewagt, einen Klassiker im Dialekt zu bringen. Da schlug der Verleger Karlheinz Braun 1969/70 dem Dramatiker Wolfgang Deichsel vor, Molières Komödie „Die Schule der Frauen“ für das Frankfurter Theater am Turm (TAT) ins Hessische zu übertragen. Der Autor selbst war sich nicht sicher, ob das Experiment glücken könnte. Beim Schreiben merkte er aber bald, dass das Stück durch den Dialekt nicht zur albernen Parodie heruntergezogen wurde, sondern „eine neue Dimension gestischer Sprache“ gewann. Aus Molières Komödien traten vollblütige Theaterfiguren heraus, wie der Arnold in der „Schule der Frauen“ und der Tartüff, die seit einigen Jahren der Schauspieler und Kabarettist Michael Quast perfekt verkörpert.

Beim neuen Sommertheaterfestival „Barock am Main“, das seine Premiere am 19. Juli im Höchster Bolongarogarten feiert, präsentiert die Theatertruppe um Wolfgang Deichsel und Michael Quast jetzt wieder den hessischen Molière. Ermuntert dazu wurden die Komödianten durch ihren ungeheuren Erfolg bei den Burgfestspielen in Bad Vilbel zwischen 1999 und 2003. „Das Publikum reagierte wie auf einem Rockkonzert“, erinnert sich Deichsel, „wir waren verblüfft und begeistert.“ Die Idee einer eigenen Spielstätte für den hessischen Molière kam auf. Vor der stilvollen Kulisse des Bolongaropalastes am Höchster Mainufer gab es im Sommer 2005 ein „Vorspiel“ mit drei improvisierten Vorstellungen der „Schule der Frauen“, das Zuschauer wie Sponsoren überzeugte. In diesem Jahr bietet das Festival gleich 24 Freilichtaufführungen und einen Open-Air-Kinoabend. Bis zum 13. August werden „Der Tartüff“ und „Die Schule der Frauen“ im Wechsel gespielt. Der Veranstalter, der Bund für Volksbildung Frankfurt-Höchst, erwartet insgesamt 10.000 Besucher im barocken Bolongarogarten. Falls diese Rechnung aufgeht, könnte das Festival zu einer allsommerlichen Einrichtung werden. Auf dem besten Weg zum Kult ist der hessische Molière ohnehin.

Zu dem Erfolg hat wesentlich der Schauspieler Michael Quast beigetragen, der seit fast 20 Jahren mit Wolfgang Deichsel zusammenarbeitet und wegen seines über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Namens auch viele Sponsoren für das Festival gewann. Als genialer Hauptdarsteller des hessischen Molière zieht er alle Register seiner Kunst. Ihm liegen Molières „maßlose Käuze“, die tatsächlich den Südhessen gar nicht so unähnlich sind: „Unter der Maske von krämerhaftem Realismus und scheppmäuliger Herablassung“, wie Deichsel es einmal formulierte, verbergen sie „eine große Erregbarkeit, einen Missionsdrang, die Fähigkeit zu Pathos“, womit sie einer fixen Idee hinterher jagen, die von vorneherein zum Scheitern verurteilt ist. In solchen Rollen, etwa als Arnold oder Tartüff, entfaltet Quast die rheinmainische Mundart in allen Nuancen, ganz wie es der Autor Deichsel fordert, von der großtuerischen Sprichklobberei über das parlierende Gebabbel bis zum gönnerhaften „Brückeneinweihungshessisch“, das immer dann herauskommt, wenn Honoratioren mit mundartlicher Muttersprache sich des Hochdeutschen befleißigen. Die passenden Worte für Quasts Brillanz im dialektalen Spiel finden sich natürlich auch im hessischen Molière: „Naa, werklich! Die Finess, Delikatess!“, heißt es in einer Szene aus dem „Menschenfeind“.

Der eigentliche Star im hessischen Molière aber bleibt der Dialekt. Beim Klang der heimischen Mundart gehe dem Publikum noch immer das Herz auf, meint Michael Quast. Daran hat sich, jenseits aller Moden, nichts geändert. Und das ist wohl das Geheimnis des Erfolges dieses und anderer Mundartprojekte im Rhein-Main-Gebiet. Die „Hesselbachs“ aus der Frühzeit des Fernsehens genießen längst Kultstatus, nicht nur auf der Bühne der Stalburg im Nordend, und der Dialekt boomt auch in der Comedy von Bodo Bach bis Badesalz. Bereits seit 35 Jahren, seit der ersten Premiere am 18. Juni 1971, bietet das von der Schauspielerin Liesel Christ gegründete Volkstheater Unterhaltung in Frankfurter Mundart. Nach dem Erfolg mit der gewagten Aufführung von Goethes „Urfaust“ auf hessisch 1979, begnügt sich diese Bühne nicht mehr mit klassischen Lokalpossen und harmlosen Schwänken. Auf ihrem Programm steht „literarisches Volkstheater“, zur Zeit ebenfalls mit der Freilichtinszenierung eines französischen Klassikers: Bis zum 12. August geht „De dolle Daach oder Dem Figaro sei Hochzeit“ von Beau-marchais über die Bühne im Hof des Dominikanerklosters.

Nur eine gute halbe Stunde Straßenbahnfahrt weiter spielt der hessische Molière im Höchster Bolongarogarten. Auch dieses Sommertheaterfestival will das Publikum unterhalten, ohne es zu unterfordern. Die Stücke seien, so meint der Hauptdarsteller Michael Quast, „sehr volkstümlich und sehr anspruchsvoll zugleich“. Der Autor Wolfgang Deichsel prägte dafür den Begriff vom „intelligenten Volkstheater“. Dann ist Quast nun also ein Volksschauspieler? „Ich weiß nicht, ob ich das schon bin“, sagt er. „Aber ich sehe darin eigentlich ein Kompliment.“

Sabine Hock

Das Sommertheaterfestival „Barock am Main - Der hessische Molière“ findet vom 19. Juli bis 13. August im Höchster Bolongarogarten statt. Auf dem Programm stehen ab 19. Juli „Der Tartüff“ und ab 1. August „Die Schule der Frauen“, beides Komödien von Wolfgang Deichsel nach Molière mit Michael Quast in einer Hauptrolle, sowie am 7. August ein Open-Air-Kinoabend mit dem Film „Molière ou la vie d'un honnête homme“, ein französischer Film über den Dramatiker von 1977.

Wochendienst, hg. v. Presse- und Informationsamt der Stadt Frankfurt am Main, Nr. 27 vom 11.07.2006

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