Er erfand die Schwedenhölzer

Zum 200. Geburtstag des Chemikers und Erfinders Rudolph Christian Boettger

Er lehrte und forschte am Physikalischen Verein in Frankfurt. Der am 28. April 1806 geborene Chemiker Rudolph Christian Boettger war ein leidenschaftlicher Experimentator und Erfinder, z.B. der weltberühmten Sicherheitsstreichhölzer. 1881 ist er in Frankfurt gestorben, so dass jetzt zugleich seines 125. Todestags gedacht werden kann.

Frankfurt am Main (pia) Der Anführer der „Schwefelbande“ trug am liebsten einen hellgrauen Hut, eine weiße Weste und ein hellblaues oder hellgrünes Halstuch. Mit bürgerlichem Chic, einen goldknöpfigen Stock in der Hand, erschien der Chemiker Rudolph Christian Boettger bei den alljährlichen Versammlungen der deutschen Naturforscher und Ärzte. Im Kreis seiner Kollegen aus der „chemischen Sektion“, der „Schwefelbande“, ließ er es dann gerne tüchtig krachen. Beim abendlichen Beisammensein, nach einem langen Tag erhitzter Debatten über Theorien und Formeln, demonstrierte Boettger unterhaltsame Experimente aus dem Reich der Chemie. Er liebte Versuche, die sich elegant, einfach und doch schlagend vorführen ließen, besonders wenn sie mit einem Licht- oder Knalleffekt endeten. Das größte Vergnügen hatte er an explosiven Stoffen. So hatte er stets ein Büschel der von ihm selbst entdeckten Schießbaumwolle bei sich, um es bei passender Gelegenheit verpuffen zu lassen. Zum Tragen in der Westentasche wäre allerdings eine andere Erfindung Boettgers weitaus ungefährlicher gewesen: das Sicherheitsstreichholz, das er 1848 in Frankfurt entwickelte.

Vor 200 Jahren, am 28. April 1806, wurde Rudolph Christian Boettger in Aschersleben geboren. Schon früh zeigte er naturwissenschaftliche Neigungen, wurde aber zum kostengünstigeren Studium der Theologie bestimmt, das er ab 1824 in Halle absolvierte. Während seiner Tätigkeit als Hauslehrer in Mühlhausen betrieb Boettger in seiner Freizeit weiterhin physikalische und chemische Studien, um sich dann ab 1831 ganz den Naturwissenschaften zu widmen. Seit 1835 wirkte er als Lehrer am Physikalischen Verein in Frankfurt. Nach der Promotion in Jena 1837 und der Ernennung zum Professor in Frankfurt 1842 erhielt er ehrenvolle Berufungen, u. a. an die Universitäten in Dorpat und Halle, die er jedoch alle zugunsten seiner Stellung in der Mainstadt ausschlug. Nach fast genau 46-jähriger Lehr- und Forschungstätigkeit am Physikalischen Verein starb Rudolph Christian Boettger am 29. April 1881 in Frankfurt.

Boettger war nicht nur ein beliebter Lehrer, sondern auch ein leidenschaftlicher Experimentator. Jeden Tag, auch am Sonntag, forschte er unermüdlich im Laboratorium des Physikalischen Vereins, das damals noch in den engen, dunklen Räumen im alten Senckenbergianum in der Stiftstraße untergebracht war. Er arbeitete mit den verschiedenartigsten Stoffen und Apparaten, aber immer interessierte ihn vor allem der praktische Nutzen seiner wissenschaftlichen Erkenntnisse. So glückten dem vielseitigen Chemiker und Physiker zahlreiche Entdeckungen und Erfindungen. Bereits 1838 erkannte er im Calciumsulfhydrat ein geeignetes Mittel, um Tierhäute leicht zu enthaaren. Sein darauf basierendes Enthaarungsmittel fand bald in der Gerberei wie auch in der Chirurgie und Kosmetik breite Anwendung.

Sofort nach Entdeckung der Galvanoplastik durch Jacobi 1839 entwickelte Boettger dieses elektrochemische Verfahren zur Herstellung von Objekten aus Metall weiter. Seine Erkenntnisse übertrug er auf die Denkmalherstellung. So setzte er sich dafür ein, das in Frankfurt geplante Gutenbergdenkmal im galvanoplastischen Verfahren auszuführen. Er war davon überzeugt, dass sich die über drei Meter hohen Denkmalshauptfiguren auf diesem Wege ebenso leicht herstellen ließen wie der Knopf von Gutenbergs Mantel. Dessen Abformung im galvanoplastischen Verfahren hatte er bei einer Sitzung im Physikalischen Verein erfolgreich demonstriert. Das Denkmalskomitee ließ sich schließlich auf das Wagnis ein. Dass das Gutenbergdenkmal dann erst 1858 vollendet wurde, lag weniger an Schwierigkeiten mit der neuen Technik als mit der Finanzierung.

Aufgrund einer Reihe von Oxidationsversuchen mit Pflanzenfasern entdeckte Boettger 1846 die Schießbaumwolle. Der Erfinder empfahl deren Anwendung als Sprengstoff im Bergbau, als Leuchtstoff für Küstensignale und als Treibstoff für Torpedos. Im Jahr 1849 wurde das Frankfurter Linienbataillon mit einem Perkussionsgewehr ausgerüstet, das durch den Einsatz der Schießbaumwolle zur gefährlichen Waffe wurde. Mittlerweile hatte Boettger eine weitaus friedlichere Erfindung gemacht, die seitdem in jedem Haushalt nützliche Dienste leistet: das Sicherheitszündholz mit rotem Phosphor, das im Gegensatz zu seinen Vorläufern völlig ungiftig und nicht explosiv war. Als „Schwedenhölzer“, so genannt nach dem Produktionsland, wurden die neuen Streichhölzer bald weltberühmt. Boettger selbst hat seine Entdeckungen allerdings meist zu freigiebig veröffentlicht, unter Verzicht auf Patente, wodurch er keinen großen materiellen Nutzen daraus zog.

Von einem letzten Treffen mit der „Schwefelbande“ in Danzig im Herbst 1880 noch munter zurückgekehrt, fühlte sich Boettger zunehmend unwohl. Er schrieb seinen Zustand schädlichen Dämpfen zu, die er im Labor eingeatmet habe. Tatsächlich krankte er an einem Leberleiden, dem er am 29. April 1881, einen Tag nach seinem 75. Geburtstag, erlag. Heute ist der einst bedeutende und geehrte Chemiker nahezu vergessen.

Sabine Hock

Wochendienst, hg. v. Presse- und Informationsamt der Stadt Frankfurt am Main, Nr. 14 vom 11.04.2006

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