Denk ich an Heine ...

Frankfurt setzte als erste deutsche Stadt dem Dichter ein Denkmal

Am 17. Februar vor 150 Jahren starb Heinrich Heine in Paris. Dem toten Dichter in Deutschland ein Denkmal zu setzen, dies rief den wütenden Protest konservativer und antisemitischer Kreise hervor. Schließlich war es Frankfurt, das im Jahr 1913 als erste deutsche Stadt ein solches Monument errichtete.

Frankfurt am Main (pia) Eigentlich hielt der Dichter wenig von der Stadt Frankfurt und gar nichts von Denkmälern. In die Diskussion um ein Goethedenkmal in Frankfurt mischte sich Heinrich Heine 1821 mit einem Spottgedicht ein: „Oh, laßt dem Dichter seine Lorbeerreiser, / Ihr Handelsherrn! Behaltet euer Geld. / Ein Denkmal hat sich Goethe selbst gesetzt. / Im Windelnschmutz war er euch nah, doch jetzt / Trennt euch von Goethe eine ganze Welt, / Euch, die ein Flüßlein trennt vom Sachsenhäuser!“ Aber auch wenn Heine das gar zu gerne glaubte, um darüber lästern zu können: In der Mainstadt, in der er sich im Lauf seines Lebens dreimal aufgehalten hat, herrschte nicht immer nur der „Krämergeist“. Sonst wäre das erste deutsche Heinedenkmal sicher nicht ausgerechnet in Frankfurt entstanden. Enthüllt wurde es zu Heines 116. Geburtstag am 13. Dezember 1913, gegen den wütenden Protest konservativer und antisemitischer Kreise, woran ähnliche Projekte anderswo - etwa in Heines Geburtsstadt Düsseldorf - unrühmlich gescheitert waren.

Obwohl Heine nur Spott für die Stadt übrig hatte, zeigten sich die Frankfurter ihm gegenüber ganz und gar nicht so „kleinlich“, wie er selbst sie eingeschätzt hatte. Während sich Heines Gegner nach dessen Tod 1856 nur noch lautstarker ereiferten, sorgte eine von der Frankfurter Zeitung initiierte und von Frankfurter Bürgern gespeiste Stiftung seit 1897 stillschweigend für die Pflege und den Blumenschmuck von Heines Grab auf dem Friedhof Montmartre in Paris.

Der Streit um die Errichtung eines Heinedenkmals, der bereits seit den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts in Düsseldorf und anderen Orts tobte, erreichte 1908 auch Frankfurt. Ein etwas dubioser Varietékünstler bot in diesem Jahr der Stadt an, ein Heinedenkmal zu stiften. Wie zuvor schon in Düsseldorf und Köln lehnte auch in Frankfurt der Magistrat ab. Mit der Begründung, dass der Stifter „aus reiner Reklamesucht“ im eigenen Interesse handele. Nach dieser Affäre wurde jedoch plötzlich die Idee eines Heinedenkmals in Frankfurt auch in seriösen Kreisen diskutiert. Aus verschiedenen kulturellen Vereinigungen, u. a. dem Freien Deutschen Hochstift, dem Ausschuss für Volksvorlesungen, dem Journalisten- und Schriftstellerverein, der Künstlergesellschaft „Schlaraffia“ und der Freien literarischen Gesellschaft, bildete sich ein Denkmalskomitee unter Vorsitz von Paul Fulda, dem Bruder des Schriftstellers Ludwig Fulda. Weitere Mitbegründer waren der Theaterintendant Emil Claar und der Städeldirektor Georg Swarzenski. Im Juni 1910 sagte der Magistrat dem Komitee seine grundsätzliche Unterstützung zu. Auch die aggressivsten Protestkundgebungen antisemitischer Gruppen konnten das Projekt nun nicht mehr stoppen. Nach einem eingeschränkten Wettbewerb, in dem drei Künstler um ihre Entwürfe gebeten worden waren, erhielt der in Berlin lebende Bildhauer Georg Kolbe den Auftrag für das Denkmal, das allein durch Spenden von Frankfurter Bürgern finanziert wurde.

Als Oberbürgermeister Georg Voigt 1913 das Heinedenkmal in der Friedberger Anlage in Anwesenheit von 2.000 Gästen enthüllte, wurde Kolbes Kunstwerk begeistert aufgenommen. Das fast zart anmutende Ensemble aus zwei Bronzefiguren, einem schreitenden Jüngling und einem davor sitzenden Mädchen, sollte im Widerspiel von Bewegung und Ruhe den Rhythmus von Heines Lyrik symbolisieren. Auf dem weißgrauen Steinsockel war unter einer Plakette mit Heines Porträt die Widmung angebracht: „Dem Dichter Heine“. Dem „ganzen“ Heine ein Denkmal zu setzen - das hatten sich auch die Frankfurter dann doch nicht getraut.

In den folgenden Monaten war die Mainstadt ohnehin einer unglaublichen Hetze der nationalen Presse ausgesetzt. Die alte Wahl- und Krönungsstadt werde „längst nur mehr in statistischem Sinne als deutsche Stadt gerechnet“, geiferte etwa die Deutsche Zeitung aus Dresden: „Sonst gilt sie als neues Jerusalem (...). Es ist deshalb (...) nicht verwunderlich, daß man sich in Frankfurt der Art des Dichters Heinrich Heine besonders nahe verwandt fühlt und daß man dort die Ehrenpflicht übernahm, dem überall Gemiedenen, dem Verunehrer deutschen Wesens, dem Wüstling und Erpresser ein Denkmal auf staatsdeutscher Erde zu setzen.“

Am 27. April 1933, knapp drei Monate nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, wurde das Heinedenkmal gestürzt. Der Schriftsteller Valentin Senger erzählt in seinem autobiographischen Buch „Kaiserhofstraße 12“, wie er als Jugendlicher an jenem Abend eine Gruppe von Hitlerjungen beobachtete, die die Bronzefiguren gewaltsam mit dem Stemmeisen vom Sockel brach und hinabstürzte. Doch die beiden Figuren wurden geborgen und restauriert. Als „Frühlingslied von Kolbe“ auf neutralem Sockel im Städelgarten aufgestellt, überstand das Denkmal die NS-Zeit. Wegen der drohenden Luftgefahr während des Krieges wurden die Bronzen im Keller des Städel eingelagert und dort bei einem Bombenangriff verschüttet, aber nicht beschädigt. Bald nach Kriegsende, am 14. Dezember 1947, wurde das wieder aufgestellte Heinedenkmal an seinem heutigen Platz in der Taunusanlage enthüllt. Die zerstörte Bildnisplakette auf dem Sockel hatte der nur wenige Wochen zuvor verstorbene Bildhauer Georg Kolbe noch selbst neu erschaffen können. Seitdem trägt das Denkmal auch eine andere Widmung - ohne jegliche Einschränkungen. Auf dem Sockel steht jetzt schlicht: „Heinrich Heine“.

Sabine Hock

Wochendienst, hg. v. Presse- und Informationsamt der Stadt Frankfurt am Main, Nr. 5 vom 07.02.2006

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