Aus der Ruine wurde wieder ein Glanzstück

Richtfest zum Wiederaufbau der Alten Oper vor 25 Jahren

Am 7. Dezember 1978 wurde der riesige Richtkranz an der im Krieg zerstörten Alten Oper aufgezogen. Mit einem dreitägigen Volksfest feierten die Frankfurter ihre neue Alte Oper. Hinter der historischen Fassade, die detailgetreu restauriert wurde, entstand mit einem Kostenaufwand von über 200 Millionen Mark ein modernes Konzert- und Kongresszentrum.

Frankfurt am Main (pia) Als der Schriftsteller und Goethepreisträger Thomas Mann 1953 von der Frankfurter Aktion „Rettet das Opernhaus!“ hörte, schrieb er spontan an den Initiator dieser Bürgerinitiative, den Arzt und Stadtverordneten Prof. Dr. Max Flesch-Thebesius: „Auf einer Ferienreise mit meinen Eltern hörte ich dort, ein halber Knabe, zum ersten Mal Wagners ‚Fliegenden Holländer‘ - in einer nach meinen provinziellen Begriffen ganz wunderbaren Aufführung. Auch das Bild des Prachtbaues, in dem dies Wunder vor sich ging, prägte sich mir schon damals für immer ein. (...) Rechnen Sie mich also, bitte, zu denen, für die die pietätvolle Erhaltung des Opernbaues, der noch in seinem gegenwärtig schmerzlich mitgenommenen Zustand ein Glanzstück harmonischer Architektur bleibt (...), eine wahre Herzenssache ist.“

Es sollte jedoch noch genau ein Vierteljahrhundert vergehen bis zum Richtfest für den Wiederaufbau des kriegszerstörten Opernhauses. Vor 25 Jahren, am 7. Dezember 1978, wurde der riesige, bändergeschmückte Richtkranz über der Pantherquadriga am Hauptgiebel aufgezogen. Die Frankfurter feierten in einem dreitägigen Volksfest mit Budenzauber und Feuerwerk ihre neue Alte Oper. Auf der Baustelle spielte das Opernhaus- und Museumsorchester unter der Leitung von Michael Gielen und tanzten die Garde-Böbbcher des Karnevalvereins „Bernemer Käwwern“. Im Schatten des 18 Meter hohen Christbaums auf dem Opernplatz gastierte ein kleiner Zirkus, dessen struppige Pferdchen sich auch einmal in das Foyer der Oper verirrten. Der Richtschmaus im Kleinen Saal, dem späteren Mozartsaal, erschien der Lokalpresse wie ein „Versöhnungsfest“, bei dem sich Kommunalpolitiker aller Parteien froh und glücklich angesichts des Wiederaufbaus des Opernhauses zeigten. Eigentlich aber hatten die Bürger den Politikern die Erhaltung und Wiederherstellung der Alten Oper regelrecht abgetrotzt.

Sein erstes Richtfest feierte das Opernhaus an Goethes Geburtstag 1876. Vier Jahre später, am 20. Oktober 1880, wurde der - nach einem Entwurf des Berliner Baurats Richard Lucae im Stil der Neurenaissance entstandene - Prachtbau mit Mozarts „Don Juan“ festlich eröffnet. Künftig erlebten hier Generationen von Frankfurtern unvergessliche Opernabende, bis das Haus bei den schweren Luftangriffen auf die Stadt im März 1944 zerstört wurde. Der ausgebrannte Bau prägte in den ersten Nachkriegsjahrzehnten das Gesicht des Opernplatzes, wurde gar zur „schönsten Ruine Deutschlands“ stilisiert. „Wer es wagt, diese edle Ruine zu zerstören, dem ist eines gewiss: die Verachtung der Nachwelt“, schrieb der Journalist Richard Kirn im Jahr 1957. Längst wuchs hinter der verkohlten Opernfassade im ehemaligen Bühnensaal ein kleines Wäldchen, das im Frühling seine hellgrünen Zweige aus den leeren Fensterhöhlen hinausstreckte.

Direkt nach dem Krieg hatten die Stadtpolitiker andere Sorgen geplagt als der Wiederaufbau des Opernhauses. Immerhin wurde bereits um 1945/46 erwogen, die Ruine durch ein Notdach vor Wetterschäden zu schützen. Doch brachte der Magistrat die Kosten dafür nicht auf. Statt dessen gestattete er 1950 einer Schrottfirma, „wertlose Eisenteile“ aus der Ruine zu holen. Insgesamt 400 Tonnen Stahl, u. a. die Träger der Ränge, wurden damals brutal herausgebrochen. Diesen „Mordanschlag“, wie es seinerzeit ein CDU-Stadtverordneter nannte, überlebte das Opernhaus jedoch dank seiner guten Substanz. Nachdem die Oper 1951 ein neues Quartier im wieder aufgebauten Schauspielhaus gefunden hatte, wurde den Stadtvätern das alte Opernhaus zunehmend lästig.

Um dieselbe Zeit gründete sich der schon erwähnte Ausschuss „Rettet das Opernhaus!“ unter Prof. Dr. Max Flesch-Thebesius, der bald von der lokalen Presse, vor allem der „Frankfurter Neuen Presse“ mit Benno Reifenberg und Richard Kirn, wie von internationaler Prominenz, darunter Thomas Mann, Paul Hindemith, Albert Schweitzer und Otto Hahn, unterstützt wurde. Richtigen Schwung brachte jedoch der Kaufmann Fritz Dietz, der langjährige Präsident der Industrie- und Handelskammer, in die Sache. Er gründete 1964 die „Aktionsgemeinschaft Alte Oper“, mit der er nicht nur über 14 Millionen Mark sammelte und Sicherungs-arbeiten an der Ruine finanzierte, sondern auch erheblichen Druck auf die Stadtpolitik ausübte. Dabei hatte Dietz große Widerstände zu überwinden. So bot ihm Rudi Arndt, der damalige hessische Wirtschaftsminister und spätere Frankfurter Oberbürgermeister, eine Million Mark für eine ausreichende Menge Sprengstoff, um die Reste des Opernhauses in die Luft zu jagen. Das hemdsärmelig zu vorgerückter Stunde im „Club Voltaire“ gemachte Angebot vom Oktober 1965 brachte dem Politiker den Spitznamen „Dynamit-Rudi“ ein, der ihm bis heute anhaftet.

Letztlich führte die jahrzehntelange Beharrlichkeit jene „erste Bürgerinitiative, die nicht gegen, sondern für etwas kämpfte“ (so ein Wort des hessischen Ministerpräsidenten Holger Börner), zum Ziel. Die Stadt stieg in den Wiederaufbau der Alten Oper ein. Am 1. April 1977 begannen die Bauarbeiten. Hinter der historischen Fassade, die detailgetreu restauriert wurde, entstand mit einem Kostenaufwand von über 200 Millionen Mark ein modernes Konzert- und Kongresszentrum. Am 28. August 1981, wenn auch nicht ganz pünktlich zu ihrem 100. Geburtstag, wurde die neue Alte Oper glanzvoll eröffnet.

Sabine Hock

Wochendienst, hg. v. Presse- und Informationsamt der Stadt Frankfurt am Main, Nr. 46 vom 25.11.2003

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