Gratwanderer zwischen Bewahren und Erneuern

Der Leiter des Instituts für Stadtgeschichte geht in den Ruhestand

Seit er 1991 seine Arbeit aufnahm, hat Prof. Dr. Dieter Rebentisch aus dem ehemals als Stadtarchiv firmierenden Amt ein dienstleistungsorientiertes Dokumentationszentrum gemacht. Dem gebürtigen Frankfurter, der am 30. September das Institut verlässt, ist es gelungen, das Interesse eines größeren Publikums für die Frankfurter Stadtgeschichte zu wecken.

Frankfurt am Main (pia) Das alte Stadtarchiv verbarg sich mitten in der City hinter dicken Klostermauern. Bis vor ziemlich genau zwölf Jahren einer kam, der die Türen des ehrwürdigen Karmeliterklosters weit öffnete. Prof. Dr. Dieter Rebentisch, der damals sein Amt als Leiter der seit 1436 bestehenden Institution antrat, hat das Bewusstsein und das Interesse für die Stadtgeschichte in der breiten Öffentlichkeit geweckt. Auch auf politischer Ebene wurde die Stimme des Stadthistorikers gehört, etwa wenn es um neue Straßennamen, Gedenktafeln oder Ehrengräber ging, und jüngst wurden von einer Historikergruppe in seinem Haus die Anträge auf Entschädigung ehemaliger NS-Zwangsarbeiter in Frankfurt geprüft.

Jetzt, zum 30. September, verabschiedet sich Prof. Dr. Dieter Rebentisch als Leiter des Instituts für Stadtgeschichte in den Ruhestand. Schon während seines Studiums der Klassischen Philologie, Geschichte und Politik an der hiesigen Johann Wolfgang Goethe-Universität hat sich Rebentisch, geboren 1941 in Frankfurt, der Historie seiner Vaterstadt verschrieben: Er promovierte 1970 über Ludwig Landmann, den Oberbürgermeister zur Zeit der Weimarer Republik. 1991 wurde er zum Leiter des Instituts für Stadtgeschichte und zum außerplanmäßigen Professor für Neuere Geschichte nach Frankfurt berufen.

In den zwölf Jahren seiner Amtszeit hat Rebentisch aus dem Stadtarchiv das Institut für Stadtgeschichte gemacht. Die Umbenennung, durch die 1992 einem Nicht-Archivar die Leitung des Hauses ermöglicht werden sollte, hielten manche nur für ein taktisches Manöver in der Besetzungsgroteske um die Nachfolge des vorherigen renommierten Stadtarchivdirektors Prof. Dr. Wolfgang Klötzer. Für Rebentisch aber war der neue Name Programm. Aus dem städtischen Amt entwickelte er ein dienstleistungsorientertes Dokumentationszentrum, wobei er den eigentlichen Schatz des Hauses, die Bestände, durchaus hütete und achtete. Er wagte die schwierige Gratwanderung zwischen Bewahren und Erneuern - mit Erfolg.

Die Öffnung des Instituts verwirklichte Rebentisch auch ganz praktisch: Im neuen Lesesaal im Dormitorium des Karmeliterklosters kann täglich, auch am Wochenende, geforscht werden. Diesen Service täglicher Öffnungszeiten bietet das Haus als einziges Kulturinstitut der Stadt und als einziges Archiv in der Bundesrepublik. Im vergangenen Jahr nahmen über 3.000 Benutzer das Angebot wahr. Viel mehr Besucher noch, nämlich über 5.000 monatlich, hat das Institut für Stadtgeschichte im Internet, auf seiner Seite www.stadtgeschichte-ffm.de. Dort findet sich auch die aktuelle Beständeübersicht des Instituts, wodurch ein wichtiger Schritt zur von Rebentisch angestrebten „Transparenz der Bestände“ getan wurde.

All die Urkunden, Chroniken, Kirchenbücher, Akten, Nachlässe und sonstigen Dokumente füllen im Institut für Stadtgeschichte inzwischen über 30 Regalkilometer. Seit 1945 sind die Archivalien auf die zehnfache Menge angewachsen. Damit besitzt Frankfurt eines der größten deutschen Kommunalarchive. Unter Rebentischs Direktorat konnte auch das Bildarchiv des Hauses bedeutend ausgebaut werden, u. a. durch die Übernahme der Sammlung der aufgelösten Hessischen Landesbildstelle. Insgesamt verfügt das Institut derzeit über rund zwei Millionen Abbildungen. Damit ist es eine der größten und wichtigsten Bildagenturen der Region, die etwa von den Medien viel genutzt wird.

Aber auch bei der Erschließung bedeutender Altbestände, wie etwa den Akten des Oberappellationsgerichts, des Reichskammergerichts und den Criminalia, wurde in den vergangenen Jahren allerhand geleistet. Als Rebentisch sein Amt antrat, lagerten im Außenmagazin in der Großmarkthalle noch 104 Wehrmachtskisten mit „Brandakten“, die während der Luftangriffe 1944 aus dem brennenden alten Archivgebäude am Weckmarkt geborgen worden waren. Nach über 50 Jahren organisierte der Chef endlich „das große Aufräumen“, wie er es nennt. Nach und nach sichtete eine Gruppe von Mitarbeitern den Inhalt der Kisten und förderte zwischen Asche und verkokeltem Papier allerhand noch brauchbare Archivalien zutage, insgesamt 12 Regalmeter, darunter einige Reste längst verloren geglaubter Bestände.

Erst vor wenigen Wochen konnte Rebentisch einen besonderen Erfolg des Hauses verbuchen: Die Magistratsakten der Jahre 1869 bis 1969 sind nach 16 Jahre langer Arbeit dreier Archivarinnen endlich inhaltlich erschlossen. Wahrscheinlich dürfte Rebentisch selbst bald eifriger Benutzer dieses - wie er sagt - „allerwichtigsten Bestands“ für Frankfurts neueste Geschichte sein. Denn eines hat er nicht erreicht: das Erscheinen der lange geplanten grundlegenden Geschichte der Stadt, von deren sechs angekündigten Bänden bisher ein einziger vorliegt. Auch der Band über die Zeit von 1919 bis 1945 fehlt noch. Nun möchte sich Dieter Rebentisch dem Schreiben dieses Werks widmen.

Sabine Hock

Wochendienst, hg. v. Presse- und Informationsamt der Stadt Frankfurt am Main, Nr. 37 vom 23.09.2003

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