Streiter für den demokratischen Rechtsstaat

Zum 100. Geburtstag von Generalstaatsanwalt Fritz Bauer

Im Jahr 1956 wurde Fritz Bauer zum Generalstaatsanwalt am Oberlandesgericht in Frankfurt berufen. Der energische Verfechter von Recht und Demokratie initiierte in diesem Amt den „Großen Auschwitzprozess“, der von 1963 bis 1965 stattfand und die Verbrechen des NS-Regimes in das Bewusstsein der Nachkriegsgesellschaft brachte.

Frankfurt am Main (pia) Sein Name steht heute als Synonym für den „Großen Auschwitzprozess“: Fritz Bauer. Der hessische Generalstaatsanwalt initiierte jenes „Verfahren gegen Mulka und andere“, das im Gerichtssaal vor rund 20.000 Zuschauern von 1963 bis 1965 das Geschehene im Konzentrationslager Auschwitz akribisch genau nachzeichnete. Damit erreichte die Auseinander-setzung mit dem Holocaust in Deutschland erstmals eine breite Öffentlichkeit. „Wenn nur alle, nicht nur die Angeklagten, aus diesen Dingen etwas lernten, damit man sicher wäre, dass so etwas endlich nicht mehr geschieht“, erläuterte Bauer in einem Zeitungsinterview von 1964 die Absichten, die er mit diesem Prozess verband. „Ob 40 Mann mehr in die Strafanstalten kommen oder nicht, das ist nicht das Wichtigste. Es geht darum, der Welt klarzumachen, dass unsere Bundesrepublik auf der Anerkennung der Menschenrechte beruht, dass Toleranz und Menschlichkeit wie ein Phönix aus der Asche von Auschwitz auferstehen!“

Der Jurist war einer der bedeutendsten Streiter für den Aufbau des demokratischen Rechtsstaats im Nachkriegsdeutschland. Vor 100 Jahren, am 16. Juli 1903, wurde Fritz Bauer als Sohn eines Textilgroßhändlers in Stuttgart geboren. Nach dem Abitur 1921 studierte er Rechts- und Wirtschaftswissen-schaften in Heidelberg, München und Tübingen. 1930 wurde er zum Hilfsrichter beim Amtsgericht Stuttgart berufen und war somit damals der jüngste Amtsrichter Deutschlands.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurde Bauer, der aus einer deutsch-jüdischen Familie stammte, aus dem Richteramt entlassen und „wegen antinazistischer Haltung“ für einige Monate inhaftiert. Drei Jahre später emigrierte er nach Dänemark, von wo aus er, nach Beginn der Deportation dänischer Juden unter der deutschen Besatzung, im Oktober 1943 nach Schweden floh. In der Emigration war er in politischen Exilkreisen aktiv. So begründete er gemeinsam mit Willy Brandt in Schweden die Sozialistische Tribüne als theoretisches Organ der sozialdemokratischen Partei im Exil.

Nach dem Krieg ging Bauer zunächst nach Dänemark zurück, entschloss sich jedoch bald zur Rückkehr nach Deutschland. Erst nach dreijährigen Bemühungen gelang ihm 1949 die Remigration in die Bundesrepublik. Bereits 1950 zum Generalstaatsanwalt am Oberlandesgericht in Braunschweig ernannt, fand er zwei Jahre später überregional Beachtung mit einem von ihm eingeleiteten Prozess gegen den NS-Agitator Otto Ernst Remer: Bauer verstand das Verfahren zur damals noch ausstehenden Rehabilitierung des deutschen Widerstands gegen Hitler zu nutzen.

Zum 1. April 1956 wurde Fritz Bauer vom hessischen Ministerpräsidenten Georg August Zinn zum Generalstaatsanwalt am Oberlandesgericht in Frankfurt am Main berufen. Auch in diesem Amt zeigte er sich als energischer Verfechter von Recht und Demokratie, als Vorkämpfer für Strafrechts- und Strafvollzugs-reformen. Nach kaum einjähriger Amtszeit sorgte er für einen ersten politischen Eklat, als er im März 1957 eine Konzertveranstaltung im Zuchthaus Butzbach besuchte und die Häftlinge in seiner Ansprache mit „Meine Kameraden!“ anredete.

Doch Bauer ging unbeirrt seinen Weg, gegen alle Widerstände, auch und gerade in seinem Kampf für die juristische Aufarbeitung der nationalsozialistischen Gewaltverbrechen. Seine Dienststelle ließ „der General“ zahlreiche Ermittlungen im Falle von nationalsozialistischen Gräueltaten, wie etwa „Euthanasie“-Morden, führen. Bauer hatte auch entscheidenden Anteil daran, dass Adolf Eichmann, der Organisator der NS-Judenvernichtung, im Mai 1960 in Argentinien gefasst werden konnte. Durch den international Aufsehen erregenden „Großen Auschwitzprozess“, der am 20. Dezember 1963 im Plenarsaal des Römers eröffnet wurde, gelang es dem Generalstaatsanwalt, die Verbrechen des NS-Regimes in das Bewusstsein der Nachkriegsgesellschaft zu bringen. Zum Prozessabschluss nach 183 Verhandlungstagen am 20. August 1965 resümierte der FAZ-Berichterstatter Bernd Naumann treffend: „Auschwitz liegt nicht mehr irgendwo da hinten in Polen.“

Am 1. Juli 1968 wurde Fritz Bauer tot in seiner Frankfurter Wohnung aufgefunden. In seinen letzten Lebensjahren hatte er sich angesichts der „Schlussstrichmentalität“ der Nachkriegsära, in der viele einfach einen „Schlussstrich“ unter die NS-Zeit ziehen wollten, beinahe resigniert gezeigt. Fast drei Jahrzehnte nach seinem Tod, am 15. Januar 1995, wurde in Frankfurt das „Fritz Bauer Institut“ als erstes „Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte und Wirkung des Holocaust“ in Deutschland gegründet. Das Institut, das mittlerweile seinen Sitz im IG Farben-Haus auf dem Campus Westend der Universität hat, fühlt sich in seiner Arbeit eng dem Erbe seines Namensgebers verpflichtet.

Sabine Hock

Wochendienst, hg. v. Presse- und Informationsamt der Stadt Frankfurt am Main, Nr. 25 vom 01.07.2003

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