Neues Archiv für eine neue Geschichte der Literatur

Das Suhrkamp Archiv ergänzt die bedeutenden Schriftstellerarchive in Frankfurt

Literaturstadt Frankfurt: Zahlreiche Nachlässe bedeutender Autoren sind hier in verschiedenen Archiven aufgehoben. Jetzt ist ein weiteres dazu gekommen: Mit dem Archiv der Peter Suhrkamp Stiftung wird im Februar in Frankfurt ein wichtiges und umfassendes Archiv für die neuere deutsche Literaturgeschichte nach 1945 eingerichtet.

Frankfurt am Main (pia) In Frankfurt wird Literaturgeschichte geschrieben. In der Stadt, in der am 28. August 1749 Johann Wolfgang Goethe geboren wurde, sind heute einige bedeutende Literaturarchive beheimatet, deren Bestände Gegenstand philologischer Forschungen und Grundlage für literaturwissenschaftliche Werke sind. Bereits seit 1859 besteht hier das Freie Deutsche Hochstift, das nicht nur Goethes Geburtshaus, sondern auch herausragende literatur- und kunstgeschichtliche Sammlungen besitzt. In seinem Handschriftenarchiv mit über 30.000 Originalen befinden sich außer bedeutenden Stücken zu Goethes Leben und Werk u. a. die Nachlässe von Clemens Brentano, Achim von Arnim, Novalis und Hugo von Hofmannsthal. Im direkt neben dem Goethehaus im Großen Hirschgraben gelegenen Freien Deutschen Hochstift werden daher die kritischen Ausgaben der Werke von Brentano und Hofmannsthal betreut.

Während das Hochstift den Schwerpunkt seiner Sammlungen und Forschungen auf die literarische Klassik und Romantik gesetzt hat, wurde jetzt in Frankfurt auch ein wichtiges und umfassendes Archiv für die neuere deutsche Literaturgeschichte nach 1945 eingerichtet: das Archiv der Peter Suhrkamp Stiftung, das - gemäß dem Willen des kurz zuvor verstorbenen Suhrkamp-Verlegers Siegfried Unseld - unlängst der hiesigen Universität übergeben wurde. Am 15. Februar wird das Suhrkamp Archiv im I. G.-Hochhaus am Campus Westend seine Arbeit aufnehmen. Da der Bestand von rund 200.000 bis 250.000 Schriftsätzen noch weitgehend ungeordnet ist, kann das Archiv zunächst nur schriftliche Anfragen beantworten. Voraussichtlich ab Sommer diesen Jahres soll es dann auch für interessierte Fachbesucher geöffnet sein. Dann, so der künftige Archivleiter Prof. Dr. Volker Bohn, werde „niemand, der über Beckett, Bloch, Frisch, Hesse und andere bedeutende Autoren arbeitet,“ mehr „an Frankfurt (...) vorbei kommen“.

Das Archiv der Peter Suhrkamp Stiftung dokumentiert die Frühgeschichte des traditionell in Frankfurt ansässigen Suhrkamp Verlags von dessen Gründung 1950 bis zum Tod des Gründers Peter Suhrkamp 1959. Es enthält den verlegerischen, privaten und schriftstellerischen Nachlass von Peter Suhrkamp sowie die vollständige Verlagskorrespondenz jener frühen Jahre. Dazu gehören die Briefe von und an die Autoren, u. a. Hermann Hesse, Max Frisch, Bertolt Brecht, Martin Walser, Hans Magnus Enzensberger und Samuel Beckett. Außerdem finden sich in rund 300 Mappen die Originalmanuskripte, die Herstellungsunterlagen und die Rezensionen sämtlicher Publikationen des Verlags bis in die frühen sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts. „Somit bildet das Archiv die Basis für eine andere, neue Geschichte der Literatur“, schreibt die Peter Suhrkamp Stiftung. „Während sich die Literaturwissenschaft bisher (...) auf das gedruckte Buch konzentrierte und dessen Rezeption erforschte, ist mit den Materialien des Archivs ein umfassenderer Blick möglich: (...) Im Archiv ist zu verfolgen, wie die Bücher so wurden, wie sie sich der Öffentlichkeit präsentieren.“ Die Stiftung will das Archiv nach und nach mit weiterem Material aus den Verlagen Suhrkamp und Insel ergänzen.

Bereits 1984 hat die Peter Suhrkamp Stiftung ein anderes Literaturarchiv an der Frankfurter Universität eingerichtet, das jedoch ausschließlich einem einzigen Autor des Suhrkamp Verlags gewidmet ist: Das Uwe Johnson-Archiv betreut den Nachlass dieses Schriftstellers, den es wissenschaftlich erschließt und der Forschung zugänglich macht. Im selben Haus, einer Villa in der Georg-Voigt-Straße 10, arbeitet das „Archiv Bibliographia Judaica“, das bio-bibliographische Angaben zum deutschen Judentum zusammenträgt und u. a. das „Lexikon deutsch-jüdischer Autoren“ herausgibt. Eine bedeutende Sammlung gedruckter und ungedruckter Zeugnisse der deutschsprachigen Emigration der Jahre 1933 bis 1945 beherbergt das Deutsche Exilarchiv 1933-1945 der Deutschen Bibliothek. Im Deutschen Rundfunk-Archiv (DRA) lassen sich Materialien über wichtige Hörspielautoren der Nachkriegszeit, wie etwa Alfred Andersch, entdecken.

Auch die Stadt- und Universitätsbibliothek besitzt zahlreiche bedeutende Literatennachlässe, wobei die hier aufbewahrten Nachlässe der Frankfurter Mundartschriftsteller Friedrich und Adolf Stoltze besonders auf regionales Interesse stoßen. Im Archivzentrum der Bibliothek, das 1992 im Dachgeschoss des Literaturhauses in der Bockenheimer Landstraße eingerichtet wurde, verkehrt allerdings internationales Fachpublikum. Dort ist nämlich nicht nur das bereits 1921 gegründete „Schopenhauer-Archiv“ daheim. Hier werden, neben dem Literaturarchiv des Lexikographen Franz Lennartz, auch die Nachlässe von zahlreichen Philosophen und Sozialwissenschaftlern der „Frankfurter Schule“, u. a. von Max Horkheimer, Friedrich Pollock, Herbert Marcuse und Leo Löwenthal, verwaltet. Um die literarische Hinterlassenschaft von Theodor W. Adorno, dessen 100. Geburtstags die Stadt in diesem Jahr gedenkt, kümmert sich sogar ein eigenes Archiv. Aber auch im neuen Archiv der Peter Suhrkamp Stiftung an der Universität wird es allerhand über den in Frankfurt geborenen Philosophen zu entdecken geben: Adorno war Suhrkamp-Autor.

Sabine Hock

Wochendienst, hg. v. Presse- und Informationsamt der Stadt Frankfurt am Main, Nr. 4 vom 28.01.2003.

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