Zum 125. Geburtstag von Martin Buber

Der Religionsphilosoph lehrte an der Frankfurter Universität

Von 1924 bis 1933 lehrte der am 8. Februar 1878 in Wien geborene Martin Buber jüdische und vergleichende Religionswissenschaft in Frankfurt. Seine auf den Dialog gegründete Philosophie wirkte von hier aus in die ganze Welt. 1933 von der Frankfurter Universität entlassen, emigrierte Martin Buber 1938 nach Jerusalem, wo er 1965 starb.

Frankfurt am Main (pia) Er war ein großer und geachteter Gelehrter, aber er sagte immer wieder: „Ich habe keine Lehre.“ Erläuternd fuhr er fort: “Ich nehme ihn, der mir zuhört, an der Hand und führe ihn zum Fenster. Ich stoße das Fenster auf und zeige hinaus. Ich habe keine Lehre, aber ich führe ein Gespräch.“ Der Religionsphilosoph Martin Buber vertrat das „Dialogische Prinzip“ der Auseinandersetzung des Menschen mit dem Menschen, das er erstmals in seiner programmatischen Schrift „Ich und Du“ 1923 darlegte. Es wurde zur Grundlage seiner Philosophie, deren weltweites Wirken von Frankfurt ausging: Von 1924 bis 1933 lehrte Buber an der hiesigen Universität jüdische und vergleichende Religionswissenschaft. Er hatte damit den ersten - und in der Weimarer Republik auch einzigen - Lehrauftrag inne, durch den die jüdische Theologie an einer deutschen Universität repräsentiert wurde.

Vor 125 Jahren, am 8. Februar 1878, wurde Martin Buber in Wien geboren. Nach der Trennung der Eltern wuchs er bei seinem Großvater, einem rabbinischen Gelehrten, in Lemberg auf. Nach dem Studium der Philosophie, das er mit der Promotion in Wien 1904 abschloss, ließ er sich 1906 als freier Schriftsteller und Privatgelehrter zunächst in der Nähe von Berlin, ab 1916 dann in Heppenheim an der Bergstraße nieder. Die materielle Basis für seine religionswissenschaftlichen Studien lieferte ihm seine Tätigkeit als Zeitschriftenherausgeber und Lektor, u. a. für den Verlag Rütten & Loening in Frankfurt (1906-1922).

In der Mainstadt wirkte Buber außerdem an dem von seinem Freund Franz Rosenzweig 1920 gegründeten Freien Jüdischen Lehrhaus, einer besonderen Form von Volkshochschule, die zentrale jüdische Werte einem jüdischen wie christlichen Publikum vermitteln sollte. Zusammen mit Rosenzweig begann er 1925 auch mit der „Verdeutschung der Schrift“. Dieses literarisch-philologische Großprojekt einer neuen Bibelübersetzung führte Buber nach Rosenzweigs Tod 1929 allein fort. Über dem 16. Buch, dem „Buch Ijob“ (Hiob), geriet er, angesichts seiner bevorstehenden Auswanderung nach Palästina 1938, allerdings ins Stocken. Erst in den fünfziger Jahren nahm er die Arbeit wieder auf. Nach fast vier Jahrzehnten konnte Buber das hoch gelobte Meisterwerk 1961 vollenden.

An Stelle und auf Empfehlung des damals bereits schwer erkrankten Kollegen Rosenzweig erhielt Buber im Dezember 1923 den Lehrauftrag für jüdische Religionswissenschaft und jüdische Ethik an der Philosophischen Fakultät der Frankfurter Universität. Im Juli 1930 beantragte die Fakultät Bubers Ernennung zum Honorarprofessor: Sie halte es für „wichtig, diesen ausgezeichneten Gelehrten der Universität nicht nur zu erhalten, sondern noch fester und lebendiger als bisher mit ihr zu verbinden“. Im November 1930 erhielt Buber die Ernennungsurkunde. Nur gut zwei Jahre später, nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten, wurde er, wie alle jüdischen Professoren, aus dem Amt gedrängt. Im April 1933 wurde ihm zunächst „nahegelegt“, „im Interesse eines ruhigen Lehrbetriebs“ von seinen Veranstaltungen im Sommersemester „absehen zu wollen“. Ein halbes Jahr darauf wurde er endgültig entlassen.

Buber engagierte sich künftig in jüdischen Selbsthilfeeinrichtungen: Er führte das nach Rosenzweigs Tod aufgelöste Freie Jüdische Lehrhaus weiter und gründete eine „Mittelstelle für jüdische Erwachsenenbildung“ bei der „Reichsvertretung der Juden in Deutschland“. Im März 1938 verließ er das nationalsozialistische Deutschland. Die Umzugsvorbereitungen in seinem Heppenheimer Haus wurden von einem Gestapo-Beamten überwacht, der sich gar eine Ausgabe der „Chassidischen Bücher“ zum Andenken erbat - mit einer persönlichen Widmung des Autors. Buber, der sich entschloss, das Buch lediglich zu signieren, meinte später: „Ich konnte doch nicht gut ‚Meinem lieben Gestapo-Mann‘ hineinschreiben!“

Buber übersiedelte nach Jerusalem, wo er bis 1951 als ordentlicher Professor für Sozialphilosophie an der Hebräischen Universität lehrte. Im Spätherbst 1947 musste er seine Wohnung räumen, weil sie in einem überwiegend von Arabern bewohnten Stadtteil lag. Obwohl er Einladungen nach Amerika in der Hand hatte, blieb er im Lande. Der Bürgerkrieg zwischen Juden und Arabern, der die Gründung des Staates Israel begleitete, erschütterte seine Hoffnung auf die Möglichkeit eines friedlichen Zusammenlebens der beiden Völker nicht.

Trotz seiner persönlichen Erfahrungen glaubte Buber bis zu seinem Tod am 13. Juni 1965 an die Aussöhnung zwischen Juden und Arabern ebenso wie an die zwischen Deutschen und Juden. Mit seinem ersten Besuch in Frankfurt nach dem Krieg hatte er bereits 1950 ein entsprechendes Zeichen gesetzt. Drei Jahre später, als er in der Frankfurter Paulskirche mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, kehrte er auch an seine alte Wirkungsstätte zurück: In der Universität hielt er damals eine bewegende Rede. Darin äußerte er die Hoffnung, dass „die verhärteten Fronten des Bürgerkriegs in den Völkern und zwischen den Völkern vielleicht nicht ganz so fest gefügt“ seien, wie es den Anschein habe. Noch immer setzte er, getreu seinen philosophischen Grundsätzen, auf den Dialog, um den Frieden auf der Welt erreichen zu können.

Sabine Hock

Wochendienst, hg. v. Presse- und Informationsamt der Stadt Frankfurt am Main, Nr. 3 vom 21.01.2003

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