Der Handkuss war das Todesurteil

Die Frankfurter Städtischen Bühnen während der NS-Zeit / Ein Zeitzeuge erinnert sich

Soeben hat das Institut für Stadtgeschichte das Buch „Die Städtischen Bühnen Frankfurt am Main 1933-1945“ herausgebracht. Aus diesem Anlaß haben wir uns auf die Suche nach einem Zeitzeugen begeben. Und fanden ihn in dem 88jährigen Frankfurter Fritz Scheuer, der über 40 Jahre lang Garderober bei den Städtischen Bühnen war. Besonders erschüttert hat ihn das tragische Schicksal des Schauspielers Joachim Gottschalk.

Frankfurt am Main (pia) - „Wenn Joachim Gottschalk bei den Römerbergfestspielen als Fiesco auf dem Gaul ereigespritzt is vor den Palast des Doria, da sin die Funke nur so gefloge!“ erinnert sich Fritz Scheuer in schwärmerischem Frankfurterisch. „Gottschalk war damals der beste jugendliche Held in Deutschland. Da waren wir uns alle einig.“ Seit dem Sommer 1934 war Joachim Gottschalk (1904-1941) an den Städtischen Bühnen in Frankfurt am Main engagiert. Der damalige Generalintendant Hans Meissner persönlich hatte den Schauspieler aus Leipzig an den Main geholt. Bei den Römerbergfestspielen 1936 brillierte Gottschalk in seiner Paraderolle als Schillers Fiesco. Eine glänzende Karriere auf den Brettern, die die Welt bedeuten, schien dem talentierten Heldendarsteller offenzustehen. Doch schon anderthalb Jahre später wurde Gottschalk an den Städtischen Bühnen in Frankfurt nicht mehr beschäftigt. Denn seine Frau Meta geb. Wolf, mit der er seit 1930 verheiratet war und einen kleinen Sohn hatte, war jüdischer Abstammung.

Ganz anders erging es zu jener Zeit Fritz Scheuer. Nach Jahren der Arbeitslosigkeit hatte er 1932 endlich wieder eine Anstellung gefunden: als Garderober bei den Städtischen Bühnen. Mit Feuereifer stürzte sich der junge Mann in seine neue Aufgabe. Zwei Garderoben, in denen jeweils drei Schauspieler ihren Platz hatten, mußte er betreuen. „Da mußt ich immer rüwwer- un nüwwerflitze und dafür sorje, daß die all zu ihrm Auftritt pünktlich an- un umgezoche warn“, erzählt er. Und bald kümmerte sich Scheuer nicht nur um „die Klamotten“, wie er selbst sagt, sondern auch um die kleinen Nöte und Sorgen der Schauspieler. „Der Fritze, der lebt mit seinen Schauspielern“, hätten alle gewußt.

Über 40 Jahre lang ging „Fritze“ als der gute Geist durch die Künstlergarderoben des Schauspielhauses. Obwohl die großen „Kollegen“ aus seiner Anfangszeit in den 30er Jahren - wie z.B. Heinrich George, Ernstwalter Mitulsky, Max Noack, Hermann Schomberg, Werner Siedhoff und Robert Taube - längst nicht mehr am Leben sind, hat er sie nicht vergessen. Nur wenn ein Schauspieler ihn wie einen Dienstboten behandelte und demütigte, nimmt Fritz Scheuer das immer noch übel. Der damals schon beim Film vielgefragte Schauspieler Rene Deltgen, der sich mit Joachim Gottschalk und Hermann Schomberg eine von „Fritzes“ Garderoben teilte, hat ihm einmal vor Weihnachten kommentarlos 1,50 Mark Trinkgeld auf den Schminktisch gelegt. Scheuer fühlte sich gekränkt und hat das Geld nicht genommen. Deltgens Arroganz empört ihn bis heute. „Aber der Joachim Gottschalk, das war mein Freund“, sagt er.

Die Vorgänge um Gottschalks Entlassung 1938 blieben auch dem Garderober nicht verborgen. Nach den überlieferten Akten genauestens dokumentiert sind sie in dem gerade erschienenen Buch „Theater oder Propaganda? Die Städtischen Bühnen Frankfurt am Main 1933-1945“ von Bettina Schültke, „einem wesentlichen Werk“ zur Frankfurter Theatergeschichte (Günther Rühle), das die gesamte Geschichte des Frankfurter Theaters während der NS-Zeit detailreich aufarbeitet. Darin ist nachzulesen, wie Gottschalk 1937 den Unmut der nationalsozialistischen Gauleitung erregte, weil er als „jüdisch versippter“ Schauspieler zur Eröffnung der „Ersten Gaukulturwoche Hessen-Nassau“, einer Parteiveranstaltung, den Prolog sprach. Der Landeskulturwalter Stöhr forderte daraufhin den Generalintendanten Meissner am 17. Dezember 1937 auf, Gottschalk unverzüglich zu entlassen. Zum 8. Januar 1938 wurde Gottschalk bereits aus dem Frankfurter Spielplan „herausgezogen“. Er wandte sich nach Berlin, wo er auf Meissners Vermittlung zum 1. September 1938 an die Volksbühne engagiert wurde. In den folgenden Jahren konnte er außerdem zum angesehenen Filmschauspieler, vor allem als Partner von Brigitte Horney, avancieren.

Fritz Scheuer plagten derweil eigene Probleme. Er mußte 1939 zum Militär einrücken und kam bald an die Ostfront. Ein kleiner Trost war es ihm, daß „Joschi“ Gottschalk noch an ihn dachte und ihm allmonatlich ein Blechschächtelchen mit Zigaretten schickte. Eines Tages blieb Gottschalks Sendung aus. Scheuer wunderte sich. Kurz darauf wurde er schwer verwundet, erlitt einen Armdurchschuß. Mit dem Lazarettzug sollte er nach Hause gebracht werden. In Frankfurt an der Oder hielt der Zug, und Scheuer stieg aus, um sich eine Zeitung zu kaufen. Am Zeitungsstand entdeckte er plötzlich ein großes Plakat mit dem Bild von Joachim Gottschalk. Er bat die Verkäuferin, ihm das Bild abzutreten. „Ich darf es nicht“, sagte sie. „Gottschalk ist doch mein Freund!“ flehte er sie an. Da wisperte ihm die Frau zu: „Wissen Sie denn nicht, daß er tot ist?“

Aus der Zeitung hätte Scheuer das damals nicht erfahren können. Denn über Joachim Gottschalk und seinen Tod durfte auf Verordnung des Propagandaministeriums „in Wort und Bild nichts mehr gebracht werden“. Doch Scheuer ruhte nicht, bis er alles über das tragische Ende des Schauspielers herausgefunden hatte. Bei der Berliner Premierenfeier des Films „Die schwedische Nachtigall“ mit Joachim Gottschalk und Ilse Werner in den Hauptrollen (1941) soll Goebbels Meta Gottschalk in Unwissenheit, daß sie Jüdin war, einen Handkuß gegeben und sich danach kompromittiert gefühlt haben. Seitdem setzte Goebbels Gottschalk verstärkt unter Druck. Der haßerfüllte Propagandaminister drohte schließlich mit Berufsverbot, wenn der Schauspieler sich nicht scheiden lasse. Als Gottschalk keinen Ausweg mehr sah, beging er mit seiner Familie am 6. November 1941 Selbstmord. „Das war es, was ich Ihnen erzählen wollte“, schließt Fritz Scheuer seinen Bericht. Es ist das einzige, was er für Joachim Gottschalk noch tun kann: immer wieder an ihn und dessen Schicksal zu erinnern.

Sabine Hock

Wochendienst, hg. v. Presse- und Informationsamt der Stadt Frankfurt am Main, Nr. 31 vom 12.08.1997

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