Tanzende Nonnen, Mummenschanz und am Ende ein Pudding

Alte Frankfurter Fastnachtsbräuche

Frankfurt war seit je eine Hochburg des närrischen Treibens. Einige Bräuche sind heute vergessen wie das Faßbinden auf dem zugefrorenen Main oder das „Hawele lone“-Singen. Unsere Mitarbeiterin hat in alten Dokumenten geblättert und förderte reiches Material zutage.

Frankfurt am Main (pia) Die traditionelle Frankfurter Fastnacht soll sogar älter und doller sein als der Mainzer und der Kölner Karneval. Aus Furcht vor Ausschweifungen der Maskierten erließ der Rat der Stadt Frankfurt nämlich schon im Jahre 1355 ein Vermummungsverbot. An den Rand des historischen Dokuments notierte ein späterer Kanzleischreiber lakonisch: „Wird nit gehalten in der Faßnacht.“

Trotz weiterer solcher Ratsbeschlüsse ließen sich die Frankfurter nicht vom Fastnachtfeiern abhalten. Die üppigen Feste der Patrizier im 15. Jahrhundert sind in den Tagebüchern von Bernhard Rorbach und seinem Sohn Job beschrieben, die der Patriziergesellschaft Alten-Limpurg angehörten. Aus dem Jahre 1497 berichtet Job, daß man am Fastnachtsdienstag nach dem gemeinsamen Mittagessen den üblichen „Umgang“ durch die Frankfurter Klöster unternommen habe, um dort mit den Mönchen zu zechen und mit den Nonnen zu tanzen.

Am Tag nach Aschermittwoch hatte die „brasseryhe“ (Prasserei), wie Job schreibt, ein Ende. Traditionell reichten die Frauen zum Abschluß der Fastnacht eine Grüne Suppe - wohl eine Art Kräutersuppe. Am Abend des ersten Fastensonntags wurde auch in der Gesellschaft von Alten-Limpurg nur noch der Mandelkäse, ein Pudding aus Milch, Eiern und Mandelkernen, der eine typische Fastenspeise war, verzehrt.

Während die Patrizier auf den Stuben feierten, veranstalteten die Frankfurter Handwerkszünfte seit dem 15. Jahrhundert übermütige Fastnachtszüge durch die Straßen. Ein besonderes Ereignis war es, wenn die Bender, die Faßbinder, ihren Umzug mit einem feierlichen Faßbinden auf dem zugefrorenen Main verknüpfen konnten. In aller Frühe am Fastnachtsdienstag gingen dann die Bendergesellen und -lehrjungen auf das Eis und banden dort, unter den Augen des Publikums zwei große Fässer. Dabei wurden sie von vier Meistern beaufsichtigt, die zusammen mit den Zunftgeschworenen in einem Zelt zu Mittag tafelten. In der Dämmerung tanzten alle um die vollendeten Fässer und brachten diese in einem feierlichen Umzug beim Kran am Weinmarkt zwischen Fahr- und Leonhardstor ans Ufer. Zum Abschluß des Fests am folgenden Samstag wurden die beiden Fässer dem Rat der Stadt übergeben. Sieben dieser außergewöhnlichen Benderfeste auf dem Maineis zwischen 1608 und 1838 sind dokumentiert.

Ein anderer Fastnachtsbrauch, der sich bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts vor allem im südlichen Stadtteil Sachsenhausen hielt, war das von Goethe beschriebene „Hawele lone“-Singen der Kinder. Am Dienstag, dem eigentlichen Fastnachtstag, gingen die Kinder von Haus zu Haus und sangen den folgenden Heischevers:

„Hawele, hawele lone,
die Fasnacht is one!
Drowe in dem Hinkelhaus,
Da hängt en Korb voll Eier raus.
Drowe in de Firste,
Da hänge die Bratwürschte ....“
Wenn sie daraufhin keine Gabe in ihr Körbchen erhielten, schrien sie:
„Stockfisch, Stockfisch!
Gebt uns alle Johr nix!“

Bis heute werden zur Fastnacht in Frankfurt Krebbel (Berliner) gegessen, die es einst nur ab dem Dreikönigstag bis zum Fastnachtstag in den Bäckereien zu kaufen gab. Früher waren außerdem noch „warme Brödercher“, ausgehöhlte und mit warmem Fett gefüllte Brötchen, eine beliebte Fastnachtsspeise. „Frankfurter Krebbel- und Warme-Brödercher-Zeitung“ nannte der Lokalpoet Friedrich Stoltze daher seine erste Fastnachtszeitung, die er 1852 herausbrachte. Das satirische Blatt fand bei dem närrischen Frankfurter Volk reißenden Absatz, und der „unverantwortliche Redakteur“ Stoltze ließ deshalb über 40 weitere „Krebbel-Zeitungen“ in loser Reihe bis 1879 folgen. Darin sind viele von Stoltzes beliebten frankfurterischen Gedichten erstmals veröffentlicht.

Obwohl die ersten Frankfurter Karnevalsvereine bereits in den 1850er Jahren gegründet wurden, konnten sich die Frankfurter Narren mit der Straßenfastnacht der Neuzeit nicht so recht anfreunden. Im benachbarten und mittlerweile eingemeindeten Dorf Heddernheim, das nicht umsonst den Ruf eines „Klaa-Paris“ genießt, gab es dagegen schon seit 1839 einen Fastnachtszug und seit den 1870er Jahren auch ein Freilichtfestspiel zur Fastnacht. Währenddessen blieben die Frankfurter wohl lieber bei Kappensitzungen und Maskenbällen in den Sälen. 1862 unternahmen sie allerdings den noch etwas halbherzigen Freilichtversuch einer „Ersten närrischen Kaiserkrönung“ auf dem Römerberg. Bei dieser Persiflage auf die alten Krönungsfeierlichkeiten floß aus dem Gerechtigkeitsbrunnen statt Wein nur Ebbelwoi, als Ochs am Spieß wurde ein Kälbchen gebraten, und der Fastnachtskaiser streute Blechmünzen auf seine närrischen „Untertanen“.

Im Jahre 1929 wurde endlich der erste richtige Frankfurter Fastnachtszug der Moderne veranstaltet. Unter dem Motto „Mir kenne's aach!“ wollten es die hiesigen Narren den Määnzern zeigen. Zum ersten Frankfurter Faschingsprinzen Ulko I. wurde damals Udo von Schauroth, der Sohn der Frankfurter Malerin Lina von Schauroth, späterer Architekt und Miterbauer des Zürichhauses am Opernplatz, gekürt. Die heutige Tradition des alljährlichen Frankfurter Faschingszugs begann aber erst 1953. Seitdem tönt es an jedem Fastnachtssonntag durch die Straßen: „Frankfurt - helau!“

Sabine Hock

Wochendienst, hg. v. Presse- und Informationsamt der Stadt Frankfurt am Main, Nr. 3 vom 21.01.1997

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