Familie X braucht einen Pädagogen

Das Frankfurter Jugendamt startet den Modellversuch „Stationäre Familienbetreuung“

Problemfamilien mit mehreren Kindern werden in speziell dafür angemieteten Wohnungen für den Alltag trainiert. Die Kosten gegenüber der Heimunterbringung sind drastisch geringer. Anfragen auswärtiger Jugendämter in Frankfurt sprechen dafür, daß das „Frankfurter Modell“ Schule machen wird.

Frankfurt am Main (pia) Wenn morgens um sieben die Welt nicht in Ordnung ist, greift er ein. Etwa, wenn die Kinder sich die Zähne nicht putzen und auch von den Eltern nicht dazu angeleitet werden. Oder wenn das alltägliche Chaos einer Wohnung in Ordnung gebracht werden muß.

Ein Pädagoge, der in einer siebenköpfigen Familie aus und ein geht und praktisch Hand anlegt: alltägliches Bild bei einem Projekt, das es bisher nur in Frankfurt gibt. „Stationäre Familienbetreuung statt klassischer Heimerziehung für Geschwisterreihen aus Problemfamilien“ - so heißt die Zauberformel. Die Familien sollen unter pädagogischer Anleitung lernen, selbständig zu leben. Inzwischen werden sieben Familien mit insgesamt 31 Kindern und Jugendlichen nach dem „Frankfurter Modell“ stationär betreut.

„Draufgekommen sind wir durch die Geschwisterreihen“, erzählt der Leiter des Sachgebiets „Heimkoordination“ des Frankfurter Jugendamtes Manfred Brötz. Eine statistische Erhebung zu Jahresbeginn 1995 hatte ergeben, daß nicht selten fünf Kinder aus einer und derselben Familie im Heim untergebracht waren. „Wir haben gedacht, fällt uns denn nichts Vernünftiges ein, was weniger Geld kostet und wo wir die Eltern einbeziehen?“ Gedacht, getan. Angeregt durch eine Studienreise nach Amsterdam, wo Brötz ein ähnliches Projekt kennenlernte, wurde die Idee im Frühjahr 1995 erstmals in die Tat umgesetzt. Im Falle einer Familie mußte das Jugendamt damals zum Wohl der fünf betroffenen Kinder dringend etwas unternehmen. „Die alleinerziehende Mutter lebte mit ihren Kindern im unvorstellbaren Chaos“, schildert Brötz den Fall. „Alle Versuche mit ambulanten Hilfen waren fehlgeschlagen. Die einzige Lösung schien die Heimunterbringung der Kinder zu sein.“

Statt dessen bezog die Familie ein vom Träger angemietetes, ausreichend großes Haus, in dem zugleich ein Raum für zwei Pädagogen und eine Hauswirtschafterin eingerichtet war (insgesamt zweieinhalb Stellen). Schon nach einem Dreivierteljahr brauchte die Familie eine halbe der Betreuerstellen nicht mehr. „Die Familie hat einen gewaltigen Sprung nach vorn gemacht“, bilanziert Brötz den Erfolg. „Sie alle können sich nicht mehr vorstellen, wie sie früher gelebt haben.“

Das machte Mut, das Projekt voranzutreiben, zumal die Entlastung des ohnehin gebeutelten Stadtsäckels enorm ist. Trotz der individuellen Abstimmung der Hilfen auf den Einzelfall können pro Tag pro Kind rund 100 Mark gespart werden. Denn während der Tagespflegesatz beim „Frankfurter Modell“ ca. 120 Mark pro Kind beträgt, kostet er im Heim im Schnitt 250 Mark. Das macht bei einer fünfköpfigen Familie gut 500 Mark am Tag, die gespart werden; im Jahr 1996 sind es rund 1,2 Millionen Mark.

Als wichtigsten Träger des Projekts gewann das Jugendamt im letzten Jahr den Caritasverband Frankfurt. Mit städtischer Hilfe konnte die Caritas im ehemaligen „Housing Areal“ der amerischen Armee in Frankfurt-Ginnheim geeigneten Wohnraum für die stationäre Familienbetreuung bekommen. Seit Februar diesen Jahres ist das Haus mit drei Familien belegt, deren insgesamt zwölf Kinder vorher meist im Heim unterbracht waren.

In jeder Familie arbeiten zwei Betreuer. Sie müssen sehr flexibel sein, denn sie haben keine festen Arbeitszeiten und auch am Wochenende Bereitschaftsdienst. Nach einem mit den Familien abgesprochenen, auf den individuellen Bedarf abgestimmten Zeitplan kommen sie tagsüber in die Familien, begleiten sie zu Terminen bei Behörden oder betreuen die Kinder, wenn die Etern etwas zu erledigen haben.

Gerade in den ersten Wochen und Monaten waren die Betreuer vor allem damit beschäftigt, den Tagesablauf der Familien zu strukturieren, inklusive Wickeln der Kleinkinder, Hilfe bei den Hausaufgaben etc.. Zu der pädagogischen Arbeit kommt aber verstärkt auch eine therapeutische hinzu. „Wir sind nicht, wie in der Heimerziehung, nur auf Vermutungen angewiesen, was im Elternhaus schiefgelaufen sein könnte“, erklärt die projektbegleitende Psychologin. Im wöchentlichen Gespräch arbeiten die Betreuer mit der Familie Probleme und Erfahrungen auf. Bei Bedarf führen sie auch Einzelgespräche mit den Eltern oder den Kindern.

Der Erfolg läßt sich manchmal nur an Kleinigkeiten ablesen. Eine der Familien konnte beispielsweise in den Sommerferien zusammen in den Urlaub fahren, was aus pädagogischer Sicht vor ein paar Monaten noch völlig undenkbar gewesen wäre. Die Stadt, durch den vielversprechenden Verlauf des auf drei Jahre angesetzten Projekts ermutigt, wird jedenfalls in diesem Herbst noch zwei weitere Familien in das Projekt aufnehmen.

Sabine Hock

Wochendienst, hg. v. Presse- und Informationsamt der Stadt Frankfurt am Main, Nr. 32 vom 30.08.1996.

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