Was ist aus Lisa geworden?

In der Vermittlung von Aids-Kindern geht Frankfurt ungewöhnliche Wege

Durch eine spektakuläre Aktion hatte sich das Frankfurter Jugendamt im Dezember vergangenen Jahres an die Öffentlichkeit gewendet, um das aidsinfizierte Kind Lisa zu vermitteln. Die Resonanz war groß. Jugendämter aus ganz Deutschland suchen mittlerweile Rat in Frankfurt.

Frankfurt am Main (pia) Auf der Suche nach Pflegeeltern für die einjährige aidskranke Lisa wagte das Frankfurter Jugendamt einen umgewöhnlichen Schritt: Am 1. Dezember 1995 startete es einen Hilferuf in Presse, Rundfunk und Fernsehen. Einen ganzen Monat lang waren die Mitarbeiter des Jugendamts für Interviews gefragt, und sogar Lisa selbst war in den Zeitungen und imFernsehen zu sehen. Bald liefen die ersten Anfragen und Bewerbungen interessierter Eltern beim Jugendamt ein.

Noch vor Jahresende bekam Lisa ein neues Zuhause. Doch die Aktion hatte noch einen weiteren Effekt. „Insgesamt“, zieht Helga Mikuszeit, die Sachgebietsleiterin für das Pflegekinderwesen beim Jugendamt Frankfurt, Bilanz aus der „Aktion Lisa“, „erhielten wir rund 70 Anfragen. Außer drei ernsthaften Bewerbungen aus Frankfurt kamen die meisten anderen Anfragen aus dem gesamten Bundesgebiet, drei sogar aus der Schweiz und den Beneluxländern.“ Das Jugendamt hat allen Interessenten geantwortet und Kontakte mit den auswärtigen Jugendämtern vermittelt, wodurch innerhalb von nur acht Wochen zehn weitere Kinder in Pflegefamilien untergebracht werden konnten.

Bis heute wenden sich Jugendämter aus ganz Deutschland nach Frankfurt, weil sie dringend eine geprüfte Pflegestelle für ein Kind brauchen und hoffen, noch eine Adresse aus der Presseaktion zu erhalten. Trotz der enorm höheren Arbeitsbelastung für das Frankfurter Jugendamt zeigt sich Helga Mikuszeit sehr zufrieden mit dem Verlauf der „Aktion Lisa“. „Es gab nur wenige spontane, unqualifizierte Anrufe nach dem Motto: ‚Ei, schicke Se doch des Kind ruhig emal vorbei‘“, berichtet sie. „Die meisten Interessenten waren nicht nur erstaunlich gut informiert über Aids, sondern zeigten auch ein hohes Maß an Verantwortlichkeit und Engagement.“

Potentielle Pflegeeltern, die sich intensiver beraten lassen wollten, leitete das Jugendamt an das Projekt „Lichtblick“ weiter. Diese außerklinische Beratungs- und Betreuungsstelle wurde in Frankfurt 1988 im Rahmen des in fünf deutschen Städten gelaufenen Bundesmodellprojekts „Aids und Kinder“ eingerichtet. „Damals ging man davon aus, daß bald ein hoher Bedarf an Pflegestellen für aidsinfizierte Kinder bestehen würde“, erläutert Gabriele Schwarz vom Projekt „Lichtblick“. „Man schätzte, daß 50 bis 70 Prozent der Kinder aidsinfizierter Mütter auch erkrankt seien. Tatsächlich ist die Übertragungsrate mit 15 bis 20 Prozent glücklicherweise wesentlich geringer - und auch die Lebenserwartung der Infizierten höher als damals angenommen.“ Das Projekt, seit 1994 der Integrativen Drogenhilfe angegliedert und zum Jahresende allerdings infolge der Streichung öffentlicher Mittel in seiner Existenz bedroht, betreut inzwischen 62 Familien aus Frankfurt, Hessen und den angrenzenden Bundesländern.

Tobias war fast sieben, als er zu seiner Pflegefamilie kam und damals schon an Aids erkrankt. Die Pflegemutter begann mit einer medizinischen Behandlung unter der Obhut der Frankfurter Uniklinik. Diszipliniert mußten die Pflegeeltern die regelmäßig erforderlichen Arzt- und Klinikbesuche durchziehen. Alle vier Wochen, manchmal auch öfter, mußte Tobias mit seiner Pflegemutter aus dem hessischen Heimatort nach Frankfurt kommen. Meist holte Gabriele Schwarz vom Projekt „Lichtblick“ die beiden am Bahnhof ab und begleitete sie zu den Untersuchungsterminen, die Kind und Mutter trotz der rührenden Fürsorge des Klinikpersonals oft sehr anstrengten.

Nach ein paar Monaten hatte sich Tobias so weit erholt, daß er sogar eingeschult werden konnte. „Zwei Jahre lang hat Tobias das Leben richtig genossen“, erinnert sich die Pflegemutter. „Er hat nichts als selbstverständlich hingenommen. Oft lag er abends, wenn ich ihm Gute Nacht sagen wollte, im Bett und strahlte mich an: ‚Das war heute wieder ein schöner Tag!‘ Tobias war wie ein kleiner Engel auf Erden. Er ging auf seine Mitmenschen zu und eroberte ihre Herzen. Und wenn ihm dann einer doch einmal etwas ablehnend gegenüberstand, fragte er nur: ‚Können wir nicht Freunde sein?‘ “

Im Herbst 1993 ging es Tobias sehr schlecht. Er litt ständig unter Lungenentzündungen. Ein Klimawechsel sollte Linderung bringen. Mit Unterstützung der Düsseldorfer Elterninitiative für HIV-betroffene Kinder ermöglichten ihm seine Pflegeeltern einen Urlaub auf Fuerteventura. Dort wollte er alles mitmachen und miterleben, sogar eine Jeepsafari, obwohl seine Kraft kaum mehr dazu reichte. Wieder zu Hause, mußte Tobias plötzlich wegen starker Bauchschmerzen ins Krankenhaus eingeliefert werden. Allen Ärzten und Schwestern schwärmte Tobias von Fuerte­ventura vor. „Er hat im Urlaub Kraft fürs Sterben geschöpft“, sagt seine Pflegemutter. Sie, ihre beiden Töchter und ihr Schwiegersohn blieben abwechselnd Tag und Nacht bei Tobias im Krankenhaus. Einmal brachte ihm seine „Schwester“ einen großen Strauß aus Luftballons mit. Tobias beauftragte einen Pfleger, daß er „danach“ die Luftballons auf der Station verteilen solle: „Jedes Kind hier muß einen bekommen!“

Nach einer Woche im Krankenhaus ist Tobias gestorben. Er wurde nur elf Jahre alt. „Die Zeit mit Tobias“, sagt seine Pflegemutter, „möchte ich nicht missen. Das Kind hat nicht nur genommen, es hat mir so viel gegeben.“ Heute, zwei Jahre nach Tobias' Tod, kann sie anderen Pflegeeltern nur Mut machen, auch ein aidsinfiziertes Kind aufzunehmen. Beim Frankfurter Jugendamt wurde in diesem Jahr schon wieder eine Familie für ein HIV-positives Kind gesucht.

Sabine Hock

Wochendienst, hg. v. Presse- und Informationsamt der Stadt Frankfurt am Main, Nr. 26 vom 09.07.1996.

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