„Erzähl mir vom Krieg!“

Eigentlich kein Kindermärchen / Von Nina Hochheimer

„Erzähl mir vom Krieg!“ sagte das Kind, über zwanzig Jahre danach, zu dem Vater, der Großmutter, der Tante. „Das ist ja eigentlich nichts für dich!“ sagten sie, aber sie erzählten dann doch davon. Das Kind hörte zu und vergaß nie. Es hat das Erzählte aufgeschrieben, wiederum über zwanzig Jahre danach, für die Kinder, die Enkel, die Nichten, die Neffen.

- Da bist du ja, Tante Paula!
Der Junge hatte durch den Türspalt ins Treppenhaus gelinst. Jetzt zog er die Wohnungstür auf, lehnte sich an den Rahmen, wandte sich dabei halb zurück zu seiner Mutter. Die blickte prüfend in den Garderobenspiegel, strich ihren Mantel glatt, rückte die braune Baskenmütze auf ihrem Kopf zurecht. Im Spiegel sah sie hinter sich ihre Schwester auftauchen.
- Du bist spät heute. Die Annelies wird schon auf mich warten!
Ohne die Schwester wirklich angesehen zu haben, zog sie an ihr vorbei. Am Türrahmen beugte sie sich beiläufig zu ihrem Jungen nieder, küßte ihn neben das Ohr in die blonden Locken.
- Gute Nacht. Und sei schön brav!
Über den Jungen hinweg sah ihr die Schwester nach.
- Was wird denn heute gespielt?
Die Schritte hallten ununterbrochen die Steintreppe hinunter.
- Romanze in Moll.
Auf dem Treppenabsatz wandte sie sich flüchtig um.
- Die Milch für den Armin steht in der Küche. Die kriegt er zum Nachtessen. Adschö, Paula!
Unten klappte die Haustür. Die Tante nahm ihren Schal ab.
- Komm, Bub, mach die Tür zu. Es wird ja so kalt in der Wohnung.
Sie knöpfte ihren Mantel auf, hängte ihn an die Garderobe neben den Schulranzen. Der Junge sah ihr zu, streichelte dabei stolz das weiß-braun gescheckte Fell auf der Ranzenklappe.
- Was war denn heute los in der Stadt? Der Peter hat gesagt, es hat gebrannt. Hat seine Oma erzählt. Hast du auch was gesehen?
Die Tante zupfte vor dem Spiegel ihre Frisur zurecht.
- Ach, wo. Heute morgen haben sie nur die Kupferwerke bombardiert. Und heute mittag war nicht viel. Ich kam sogar wie immer aus dem Geschäft nach Hause. Ist der Ranzen schon gepackt für morgen?
Der Junge nickte, blieb aber hartnäckig bei seinem Thema.
- Der Peter hat schon mal ein richtiges zerbombtes Haus gesehen. In der Gemündener Straße. Seine Schwester ist extra mit ihm hin, und...
Die Tante fuhr ihm durch das Haar, wuschelte den Gedanken weg.
- Komm, jetzt kriegst du erst mal dein Nachtessen.
Sie legte ihre Hand auf die Schulter, machte einen Schritt auf die Küche zu. Die Sirenen heulten auf. Die Verantwortung für das Kind überflutete ihr Denken.
- Auf, Schuhe anziehen!
Sie hockte schon vor dem Jungen, hielt ihm einen aufgeschnürten Schuh zum Hineinschlüpfen hin.
- Bitte, bitte, die neuen Schuhe, Tante Paula!
Der Junge flehte sie mit großen Augen an. Sie zögerte.
- Die du zum ersten Schultag bekommen hast? Die guten Schuhe in den staubigen Keller?
Die Augen bettelten weiter. Sie fühlte die Zeit davonrasen.
- Also gut. Ausnahmsweise.

- Hier seid ihr. Gott sei Dank.
Ihr Atem ging hastig. Ihr Herz pochte hell im Hals. Das Kind in ihrem Leib zog sie bleischwer zu Boden. Die Menschen rückten zusammen. Sie sank auf die Bank neben den Jungen, lehnte ihren Kopf zurück an die Wand, schloß die Augen. Sie hörte dumpf das Brabbeln der Menschen hier drinnen und das Brodeln des Terrors da draußen. Durch den Feuersturm war sie gelaufen. In ihrem Kopf hatte es immerfort gehämmert. Nachhausenachhausenachhause... Sie wollte nichts sonst fühlen, nichts sehen, nichts riechen, nichts schmecken. Ihr Gehör nur konnte sie nicht abstellen. Blind lief sie durch die sterbende Stadt und hörte, hörte. Sirenen. Flieger. Bomben. Flammen. Glocken. Vor allem die Glocken. Einmal drang ein Bild bis in ihr Gehirn vor. Sie öffnete die Augen.
- Bei uns im Nonnenpfad brennt es.
Sie drehte ihren Kopf dem Jungen zu, fühlte die mörteligen Kellersteine kalt an ihrer Wange. Es war ihr, als kehrte das Leben in sie zurück. Die Schwester hatte sie die ganze Zeit über erwartungsvoll angesehen, reagierte nun nüchtern.
- Dann ist es ja gut, daß wir aus eurem Keller raus sind. Euer Luftschutzwart hat uns hergeschickt. Die Kirchenmauern wären eben doch dicker.
Das Gespräch ging über den Jungen hinweg. Er lag mehr als er saß, schlenkerte ab und zu träge mit den Beinen. Seine übermüden Augen brannten. Die stickige Luft kratzte ihn im Hals.
- Ich habe Durst.
Die Tante ging hinaus. In der Kirchentür blieb sie kurz stehen, sah am feuerroten Horizont einen schwarzen Fliegerschwarm aufkommen, wartete die Einschläge der Bomben ab. Sie begehrte auf gegen die Angst, rief sich gewaltsam die Stimme des Jungen in Erinnerung: Ich habe Durst. Sie lief quer über die Straße, geradewegs bis vor das Haus. Ihr Auge funktionierte wie ein Fotoapparat, machte nur Momentaufnahmen. Die Trümmer. Die in der Mitte eingeknickte Häuserreihe. Der brennende Dachstock. Die herabgestürzten Dachbalken. Das Feuer. Es war unnatürlich heiß im Treppenhaus. Ihre Schritte klapperten nervös zur Wohnung hinauf. Auf dem Treppenabsatz hörte sie plötzlich die Worte der Schwester: Die Milch für den Armin steht in der Küche. Die Milch. In der Küche. Vor ihr auf dem Fußboden lag der Vogelkäfig. Sie stand starr, blickte auf den toten Wellensittich. Über ihr auf dem Dachboden prasselte das Feuer, krachte ein Balken herab. Sie schrak auf, griff panisch nach dem Milchtopf, rannte, rannte.
- Hier, Bub. Die Wohnung brennt noch nicht.
Der Junge trank gierig aus dem Topf. Die Mutter legte den Arm um das Kind, fixierte einen Punkt in unendlicher Ferne.
- Heute morgen habe ich die Schlafzimmerschränke gemacht. Ich habe die Socken vom Heinrich gezählt. Genau 36 Paar.
Die Tante durchzuckte es.
- Ich geh noch mal. Wäsche für Armin holen.
Sie hörte auf der Kellertreppe den entwarnenden Sirenenton. Hinter ihr zog es nun noch andere hinaus. Die eigenartige Hitze hing inzwischen über dem ganzen Stadtteil, hatte sich im Treppenhaus zu einer beißenden Glut gesteigert. Das Feuer fraß sich tief in das Haus hinein. Über der Wohnung lasteten schwer die Trümmer. Der nächste herabkrachende Balken konnte die Decke zum Einstürzen bringen. Ratlos stand die Tante vor dem weißen Wäscheschrank im Badezimmer. Sie wischte mit einem Finger den Ruß von der Platte des Schranks. Er war zugesperrt. Der Schlüssel fehlte. So einen schönen Schrank bricht man doch nicht auf. Der Gedanke ließ sie zögern. Plötzlich entschlossen griff sie zum Schürhaken neben dem Badeofen. Hastig und ungeschickt hantierte sie an dem Schloß herum. Es gab nach, die Tür öffnete sich knarrend. Die Tante suchte kaum, nahm Putzeimer und Wäschekorb, füllte sie wahllos mit Leibwäsche und Strümpfen. Es krachte. Es rieselte. Die Katastrophe rückte ihr zuleibe. Die Tante packte eilig Blecheimer und Wäschekorb, ging, ließ alles andere zurück. Auf der Treppe zum Luftschutzkeller drängten sich ihr die Menschen entgegen.
- Wir müssen raus hier. Der Koks im Kohlenkeller fängt an zu brennen.
Sie reckte sich, schaute nach der Schwester und dem Jungen aus. Sie kamen zuletzt. Der Junge hielt noch den Milchtopf in der Hand. Die Mutter trug das Notköfferchen. Auf der letzten Stufe blieb sie stehen, sah ihrer Schwester unverzweifelt gerade ins Gesicht.
- Wo sollen wir denn jetzt hin?
Das junge Mädchen vor ihr drehte sich um.
- Kommen Sie in die Sakristei. Da steht auch ein Sofa, und Sie können sich ein bißchen hinlegen. Mein Vater hat bestimmt nichts dagegen.
In der Sakristei war die Düsternis durchglommen vom roten Feuerschein. Über ihnen dröhnte immer noch, nur noch die einzig übriggebliebene Glocke. Durch die Fensterlöcher zog es scharf und hitzig. Das Mädchen hielt ihnen die Tür auf.
- Ich komme gleich wieder.
Sie standen da, mit der Wäsche, dem Notköfferchen und dem Milchtopf, warteten. Die Mutter tastete nach dem Sofa, faßte in Glassplitter. Das Mädchen öffnete die Tür wieder, ein gelber Feuerstrahl beleuchtete kurz ihr Gesicht.
- Schau mal hier.
Sie hielt dem Buben etwas hin. Er griff danach. Es war weich, plüschig. Der nächste Feuerschein zeigte ihm den kleinen Stoffhund in der Hand des Mädchens. Der Junge nahm ihn, preßte ihn an sich.
- Und wie sagt man da?
Der Bub schaute das große Mädchen staunend an.
- Dankeschön, Lore.
Sie lachte kurz auf, wandte sich zum Gehen.
- Ist schon gut. Ich spiele ja doch nicht mehr damit.
Sie wollte hinaus. Die Tante löste ihren Blick vom Farbenspiel der draußen wütenden Flammen.
- Lore, es war gut gemeint von dir, daß du uns hierher gebracht hast. Aber wir müssen raus hier. Weg vom Feuer.
Sie gingen, weg von Haus, Kirche, Stadt. Sie gingen, gingen. Einmal drehte sich der Junge um. Die Mutter zerrte ihn vorwärts. In den Feldern machten sie halt. Sie stellten ihre Habe ab, die Wäsche, das Notköfferchen, den Milchtopf. Nur den Stoffhund behielt der Bub im Arm. Sie setzten sich in die Stoppeln, blickten zurück. Sie sahen die Stadt, das Haus, ihre Wohnung. Darüber flammte weiter das Spiel der Farben, ermattete mit der Dämmerung allmählich, verfärbte sich vom Roten ins Helle, würde bald ganz verblassen. Auf dem Balkon der Wohnung zischte eine schwefelgelbe Stichflamme hoch. Der Junge fuhr auf.
- Was war das?
Ohne Antwort wußte er es im nächsten Augenblick. Seine Spielzeugkiste. Die Mutter taxierte den Punkt in der unendlichen Weite
- Zelluloid brennt eben gut.
Der Junge begann zu weinen, drückte den Stoffhund fester an sich.
- Der Opa soll kommen.

- So, da sind wir.
Der Opa zieht den Leiterwagen mit dem Jungen, der Wäsche und dem Milchtopf durch die rauchenden Trümmer. Die Mutter bleibt stehen, sieht an der Fassade mit den gähnenden Fensterlöchern entlang zum wieder grauen Himmel empor. Vom schwelenden Dachstock gleitet ihr Blick am Häuserskelett hinab und quer durch die Vorgartenwüste, bleibt nahe der Haustür an einem Blumentisch hängen. Sie geht darauf zu, befühlt ungläubig die buntbemalten Kacheln auf der Tischplatte.
- Den haben sie also gerettet.
Der Opa stellt den Leiterwagen daneben ab, hebt den Jungen heraus. Die Tante tritt in das Teppenhaus. Ihr kommt es merkwürdig kühl vor. Sie zaudert, verweigert den Aufstieg zur Wohnung.
- Hattest du eigentlich noch was im Keller?
Die Schwester zieht es nach oben. Ihre Schritte klappern durch das zerborstene Treppenhaus. Auf dem Treppenabsatz dreht sie sich um.
- Nur das Eingemachte. Und die Truhe mit der schmutzigen Wäsche.
Sie hat den Fuß bereits auf die nächste Stufe gesetzt, wendet sich mit einem Ruck noch einmal um.
- Wie gut. Ich war schon lange nicht mehr mit der Wäsche dran.
Hinter ihr tapsen die Schritte des Jungen die Stufen hinauf. In der Wohnungstür genügt ein Blick. Sie weiß. Schutt und Asche. Sie will wieder raus. Nur schnell die Kassette holen. Noch einmal fühllos, blind sein. Sie geht ins Eßzimmer, kniet sich vor die Trümmer des Büfetts. Sie wühlt im Schutt, spürt das Metall, kompakt, feuersicher, unversehrt. Sie hebt die Kassette. Mörtelstaub und Holzsplitter rieseln ihr über die Arme auf den Schoß. Hinter ihr wieselt der Junge herum, spielt fast. Sie zieht das Band mit dem Schlüssel aus dem Ausschnitt, öffnet die Kassette. Sie sieht hinein, nimmt ungläubig das silberne Fünfmarkstück heraus, zerklüftet, zerschmolzen, verdorben. Ihre Hand umschließt krampfend die Münze. Sie begreift. Sie petzt die Augen fest zu, wehrt sich gegen den Schmerz. Der Junge hat etwas entdeckt, kommt zu ihr.
- Guck mal, Mutti.
Sie öffnet die Augen. Der Bub hält ihr einen bunten Schnipsel hin, ein Stück aus einem Bilderbuch. Gestern abend las er darin, als sie fort wollte. Gestern abend. Sie nimmt den Papierfetzen, dreht ihn in ihrer Hand. Zwischen den Bruchstücken der Bilder steht nur ein Wort. Sie liest es, das einzige Wort: ENDE.

In: epd, Ausgabe für kirchliche Presse Nr. 9, 01.03.1994

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