Karl-Heinz Köpcke liest heute seine letzte Tagesscha

„Was mache ich schon groß: ich sitze schick rum und lese vom Blatt.“ Das soll Karl-Heinz Köpcke einmal über seine Arbeit als Chefsprecher der ARD- „Tagesschau“ gesagt haben. Und obwohl er „nur“ Nachrichten aus aller Welt vom Blatt abliest, erfreut er sich beim Fernsehpublikum ungetrübter Beliebtheit - seit mehr als 28 Jahren.

Damals, am 2. März 1959, fing es an: Karl-Heinz Köpcke war erstmals als Nachrichtensprecher der „Tagesschau“ im Fernsehen zu sehen. Der souverän und sicher wirkende Sprecher errang bald die Gunst des Publikums. Wenn die Fanfare zu den Abendnachrichten ertönte und bald darauf Herr Köpcke mit den Worten: „Guten Abend, meine Damen und Herren, hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit der Tagesschau“ auf dem Bildschirm erschien, wurde dieser freundlich-ernst dreinschauende Herr mit der sonoren Stimme und der geschmackvollen Krawatte wie ein lieber, alter Bekannter empfangen - im doppelten Sinne des Wortes.

Am 29. September wird „das bekannteste Gesicht der Bundesrepublik“ 65 Jahre alt. Er wird in Pension geschickt und liest heute schon seine letzte „Tagesschau“.

Der deutsche Fernsehzuschauer sah in der „Tagesschau“ immer ein offizielles Programm und verlangte deshalb einen amtlich wirkenden Vortrag der Nachrichten. Köpcke erfüllte diese Anforderungen. Ein Lächeln oder ein Heben der Augenbraue beim Verlesen der Nachrichten hätte schon als Kommentar aufgefaßt werden können. Das wäre undenkbar gewesen - während ein Lächeln an den Zuschauer, z. B. vor dem Wetterbericht, durchaus erlaubt (und auch erwünscht) war. Trotz hoher Konzentration und korrekten Auftretens (oder gerade deswegen) wirkte Köpcke immer sympathisch, hatte Ausstrahlung. Er fiel durch seine Unauffälligkeit auf.

Jeden Monat erhielt er etwa 200 bis 300 Briefe „Fanpost“, meist von Frauen. Er scheint ein „Frauentyp“ zu sein. Doch das kann ihm sehr lästig werden. Im großen und ganzen blieben die Sympathie-Bekundungen der Zuschauer so dezent wie Köpckes Auftreten. - Die geringsten Veränderungen konnten beim Publikum großen Aufruhr hervorrufen. Einmal malten ihm Kolleginnen ein kleines Herz auf ein Pflaster am Finger. Die Resonanz war unglaublich: Dutzende von Anrufen und Briefen trafen bei Köpcke ein. Noch größere Unruhe erregte 1974 ein Schnurrbart: Köpcke hatte ihn sich wachsen lassen, um eine Verletzung zu verbergen, die er sich beim Tauchen während seines Urlaubes zugezogen hatte. Die Zuschauer wollten ihren gewohnten Köpcke wiederhaben - und der Bart verschwand nach Heilen der Wunde wieder.

Auch die Kleidung Köpckes stand immer im öffentlichen Interesse. 1966 wurde er sogar zum bestangezogenen Herrn des Jahres gewählt, und 1974 lobten die Zuschauer in einer Umfrage seine „mutigen“ und „einfallsreichen“ Krawatten.

Seine Versprecher (einmal machte er den Bundesaußenminister zum „Bundesaußenseiter“, und der ehemalige Bundeskanzler Kiesinger wurde gar zum „sowjetischen Ministerpräsidenten“!) vergrößerten nur noch die Publikumssympathie: entzückt stellte es fest, daß Köpcke ja auch nur ein Mensch sei.

Trotz aller drohenden Konkurrenz durch das Zweite Fernsehprogramm, die neuen Magazinsendungen und Damen als Nachrichtensprecherinnen konnte sich Karl-Heinz Köpcke in seiner Gunst beim Publikum behaupten. Die deutsche Fernsehnation wird ihren Liebling nur ungern scheiden sehen.

Allerdings kann es sein, daß Köpcke an anderer Stelle und in anderer Funktion wieder auf dem Bildschirm auftaucht. Das private Fernsehprogramm SAT 1 möchte ihn für sich gewinnen. Nicht als Nachrichtensprecher, sondern möglicherweise als Mitarbeiter an einer Sendung über die deutsche Fernsehgeschichte. Aus dem Ruhestand heraus könnte Köpcke seine jahrzehntelange Erfahrung weiterarbeiten lassen.

Sabine Hock

FNP vom 10.09.1987, S. 10

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