Bombennächte auf dem Mühlberg

Zeitzeugen schilderten ihre Erlebnisse / Bericht von Sabine Hock

Die 18jährige Unterprimanerin Sabine Hock recherchierte die Geschichte des Mühlbergs in den Jahren 1939-45 für einen Schülerwettbewerb. (Die SZ berichtete.) In dieser Ausgabe bringen wir eine Zusammenfassung der Arbeit, die von der Schülerin selbst für uns verfaßt wurde. Sabine Hock bittet die Leser zu berücksichtigen, daß sie zwar alles nach bestem Gewissen beschrieb, daß aber "wegen der subjektiven Gespräche mit den Nachbarn keine vollkommene Objektivität zu erzielen war". Dieser Artikel umfaßt einen wichtigen Teil ihrer Arbeit, die die Geschehnisse in der Kriegszeit natürlich viel ausführlicher behandelt. red.

Die Straße „Auf dem Mühlberg“ im Osten Sachsenhausens war auch in den 30er Jahren eine reine Wohnstraße. Es lebten dort hauptsächlich Lehrer und Fabrikanten, also relativ gut situierte Bürger. Nur wenige waren vollkommen überzeugte Nationalsozialisten. Ein Bewohner: „Ich habe es damals nicht so empfunden, daß junge Leute nur für den Krieg vorbereitet werden sollten. Wenn uns das einer gesagt hätte, dann hätten wir es einfach nicht geglaubt.“ Die meisten Bewohner waren von der vermeintlichen Ruhe und Ordnung des Staates beeindruckt, der für sie bald nach Inflation und Zusammenbruch kam. Eine Bewohnerin meinte: „Es wurde einem halt auch was geboten: endlich wieder Arbeit, sogar KdF-Urlaub...“ Auf dem Mühlberg war man einfach froh, daß das Leben im „Mühlberg-Milieu“ in geordneten Bahnen weiterging. „Das waren alles ‚gute Bürger‘, die ihren Familienfrieden hatten, die ihre Kinder erzogen haben und versucht haben, ihre Kinder etwas werden zu lassen. Um Politik hat man sich eben wenig gekümmert, das war Ehrenarbeit“, beschrieb ein ehemaliger Bewohner das Milieu. Es gab auch keinen Widerstand, da es unter den „wohl situierten Bewohnern“ keine KPD und nur sehr wenige SPD-Anhänger (die sich nach außen hin aber für die NSDAP engagierten) gab, niemand vertrat öffentlich die Interessen der Bekennenden Kirche. Der Blockwart, der einer der wenigen überzeugten Nationalsozialisten auf dem Mühlberg war, wurde allgemein als „Menschenfreund“ gelobt: „Er hätte uns viel schikanieren können, aber er tat das nicht!“

„Bei Kriegsbeginn, da war ja noch nichts los!“

Dies ist ein Satz, den ich häufig zu hören bekam. Tatsächlich stellte sich heraus, daß Bombardement und Zerstörung bei der Zivilbevölkerung alle anderen Eindrücke verwischt haben. Einige männliche Bewohner wurden zur Wehrmacht eingezogen, viele konnten Dank ihrer Tätigkeit als Fabrikanten oder ihres Engagements beim SHD (Sicherheits- und Hilfsdienst) bleiben. In der Mühlbergschule, seit ca. 1938 „Reichsluftschutzschule“, fanden Luftschutzübungen und Brandbekämpfungskurse statt, Verdunklungsmaßnahmen und der Bau von Luftschutzkellern wurden erläutert. „In der Luftschutzschule waren im Hof Übungsdächer aufgebaut, man übte daran löschen und erlernte den Gebrauch von Feuerpatschen. Man sang: ‚Mit einem halben Eimer Sand rettet er das ganze Land - der Luftschutz!‘ Die Luftschutzwarte wurden auch in der Schule ausgebildet“, erzählte Herr B. Gegen Ende des Krieges war der SHD in der Schule untergebracht.

„Der Krieg kam mir vor wie ein schlechter Film“

Auf dem Mühlberg waren wirklich fast alle Häuser vom Bombardement betroffen. Bei dem Angriff am 4./5. Oktober 1943, bei dem Oberrad fast völlig zerstört wurde, wurde auch fast der ganze westliche Mühlberg mit seinen schönen Jugendstilhäuser zerstört. Wahrscheinlich waren die Bomben, die die Eisenbahnstrecke treffen sollten, abgetrieben und haben so die Häuser auf dem Mühlberg getroffen.

Am 29. Januar 1944 wurde neben einigen Häusern auf dem westlichen Mühlberg das seit 1938 in der sog. „Oehlerschen Villa“ untergebrachte Mühlbergkrankenhaus (damals eine Frauenklinik) bis auf einige Mauerreste zerstört. Der Keller des Krankenhauses hielt stand und trug die Trümmer, so daß niemand zu Schaden kam. Er konnte weiter als Luftschutzkeller dienen.

Viele sahen in der Zerstörung ein Versagen der Luftschutzmaßnahmen und waren etwas enttäuscht:„Wir hatten einen Bombentrichter vorm Haus, und oben im Haus hatte es gebrannt - trotz Verdunklung!“ Frau K. beschrieb die Atmosphäre während der Zeit der Fliegerangriffe so: „Es war eine traurige Zeit. Es waren so viele schlaflose Nächte, man war müde und wurde leichtsinnig - man ging einfach nicht mehr gleich in den Keller. Die Angst mischte sich mit Kriegsgewöhnung. Das war so ein Dahinleben, im Krieg. Es mußte eigentlich zu Ende sein, dachte man, es genügt.“

Bei den Märzangriffen 1944 waren dann fast alle übrigen Häuser auf dem Mühlberg vom Bombardement betroffen. Die meisten Bewohner wurden evakuiert oder gingen zu Verwandten oder zu Freunden meist in eher ländliche Gegenden. Die Märzangriffe waren so das Ende des Lebens auf dem Mühlberg. Nur wenige, deren Häuser einigermaßen bewohnbar erschienen, blieben und flickten alles, so gut es eben ging. Diese wenigen restlichen Bewohner des Mühlbergs halfen sich nun gegenseitig: Einer half dem Andern beim Flicken seines Hauses, wer einen Herd hatte, der buk eben auch das von den Nachbarn darin. Der Zusammenhalt zwischen den Nachbarn sei damals sowieso viel größer gewesen, hörte ich immer wieder.

Man hoffte nun auf das Kriegsende und daß alles einigermaßen gut ausgehen würde. Als dann endlich die Amerikaner kamen, war man erleichert, daß „es nicht die Russen waren“. Man freute sich:„Endlich war der Krieg für uns vorbei. Die Bomber flogen zwar immer noch über uns drüber, aber das betraf uns ja nun nicht mehr. Wir freuten uns, weil wir wieder Weißmehl, Tee und Zucker bekamen.“

Sachsenhäuser Zeitung, 21.05.1983

Seitenanfang